
Es ist jetzt kurz nach acht an diesem Sonntagmorgen in Warnemünde. Der Kaffee dampft in meiner alten IKEA-Tasse, und draußen peitscht der Wind den Regen gegen die Scheibe – echtes Ostseewetter. Der Hund hat sich schon wieder unter meinen Stuhl zusammengerollt, genau dort, wo er immer liegt, wenn ich 'die Kleine' hervorhole. Diese kleine, zweireihige Ziehharmonika, die ich vor acht Monaten für 45 Euro in Güstrow auf dem Trödelmarkt gefunden habe, ist inzwischen mein Anker nach dem Schichtdienst auf der Kardiologie geworden.
Ich sitze hier und schaue auf die Knöpfe. Wenn man wie ich keine Musikausbildung hat, keine Noten lesen kann und in der Schule höchstens mal die Triangel halten durfte, wirkt so ein Instrument erst einmal einschüchternd. Aber weißt du was? Das muss es nicht sein. In den letzten Monaten habe ich gelernt, dass diese 21 Knöpfe auf der rechten Seite kein Rätsel sind, das man lösen muss, sondern eher wie eine vertraute Stationsroutine funktionieren. Man muss nur wissen, welcher Handgriff wann kommt.
Der Zauber der ersten Reihe: Warum C-Dur dein bester Freund ist
Als ich anfangs versuchte, irgendetwas Brauchbares aus dem Balg zu quetschen, klang es eher nach einer asthmatischen Möwe als nach Musik. Ich wusste nicht einmal, dass meine Ziehharmonika wechseltönig ist. Das bedeutet: Ein Knopf, zwei Töne. Einer beim Ziehen, einer beim Drücken. Das hat mich fast wahnsinnig gemacht. Es ist ein bisschen wie beim Blutabnehmen bei Rollvenen – man braucht unendlich viel Geduld und muss sich auf das Gefühl in den Fingerspitzen verlassen, nicht auf das, was man im Lehrbuch gelesen hat.
Die meisten zweireihigen Harmonikas sind so aufgebaut, dass die äußere Reihe (die weiter vom Balg weg ist) in einer Grundtonart gestimmt ist, oft in C-Dur. Wenn du dich am Anfang nur auf diese eine Reihe konzentrierst, kannst du eigentlich nichts falsch machen. Es ist wie die stabilen Vitalwerte eines Patienten – solange du in diesem Bereich bleibst, ist alles im grünen Bereich. Ich habe die ersten Wochen nur damit verbracht, diese Reihe rauf und runter zu spielen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel Kraft meine Finger eigentlich haben, wenn sie nicht gerade Patientenakten sortieren.

Ein wichtiger Punkt, den ich schmerzhaft lernen musste: Die Finger dürfen nicht verkrampfen. Letzten Dienstag, nach einer besonders harten Spätschicht, wollten meine Glieder einfach nicht. Ich habe versucht, den Fingersatz für die rechte Hand zu üben, aber es fühlte sich an, als würden meine Sehnen aus Draht bestehen. In solchen Momenten lege ich die Kleine weg. Man kann Musik nicht erzwingen, genauso wenig wie man einen Patienten zur Genesung peitschen kann.
Drei Lieder, die fast von alleine gehen (auch ohne Noten)
Ich habe mir angewöhnt, keine Notenblätter zu benutzen. Mein Kopf ist nach der Arbeit voll mit Medikamentendosierungen und Übergabeprotokollen. Ich will nicht auch noch Punkte auf Linien zählen. Stattdessen summe ich eine Melodie und versuche, sie auf den Knöpfen zu finden. Hier sind die drei Stücke, die bei mir als Erstes 'Klick' gemacht haben:
- Hänschen Klein: Ja, es klingt nach Kindergarten. Aber es ist das perfekte Training für die Balgkontrolle. Du lernst genau, wann du ziehen und wann du drücken musst, damit der Ton nicht abreißt. Es ist wie das gleichmäßige Atmen eines schlafenden Patienten – ein Rhythmus, den man irgendwann im Blut hat.
- Summ, summ, summ, Bienchen summ herum: Dieses Lied liegt fast komplett auf der äußeren Reihe. Du musst kaum springen. Für meine müden Finger war das ein Segen. Ich habe es an einem Mittwochabend drei Minuten lang fehlerfrei geschafft, und ich sage dir, das war ein besseres Gefühl als jede Beförderung.
- Freude schöner Götterfunken: Das klingt auf der Ziehharmonika erstaunlich voll und feierlich. Hier fängt man an zu verstehen, dass Musik auch ein Handwerk ist. Die Abfolge der Töne ist logisch und fast schon meditativ.
Wenn ich diese Lieder spiele, merke ich, wie der Stress der Station von mir abfällt. Die Nachbarin hat sich übrigens seit drei Monaten nicht mehr beschwert. Entweder spiele ich besser, oder sie hat aufgegeben. Ich tippe auf Ersteres, denn neulich hat sie im Treppenhaus sogar kurz gelächelt, als sie mich mit dem Instrumentenkoffer sah.
Wenn die linke Hand dazukommt: Die Sache mit dem Bass
Das größte Hindernis für mich war – und ist manchmal immer noch – die linke Hand. Diese acht Bassknöpfe auf der anderen Seite. Es ist, als müsste man gleichzeitig zwei verschiedene Patienten versorgen. Die rechte Hand spielt die Melodie, die linke soll den Takt halten. Mein Gehirn hat am Anfang einfach 'Nein' gesagt. In der zehnten Woche nach meinem Fund in Güstrow saß ich hier und hätte das Ding fast wieder auf den Flohmarkt gebracht.

Was mir geholfen hat, war die Balgkontrolle. Ich habe aufgehört, die linke Hand als Feind zu betrachten. Ich benutze den Bass jetzt erst einmal nur als ganz leisen Herzschlag. Nur einmal drücken pro Takt. Ganz simpel. 'Bumm – Pause – Pause'. Es muss kein orchestrales Meisterwerk sein. Es reicht, wenn es mich beruhigt.
Besonders schwierig ist immer noch der Moment, wenn ich vom Druck in den Zug wechseln muss und gleichzeitig ein Bassknopf gedrückt werden soll. Da verhakt sich manchmal alles. Aber dann erinnere ich mich an meine erste Woche als Azubi auf Station: Da wusste ich auch nicht, wie man ein Bett macht, ohne den Patienten zu wecken. Heute mache ich das im Schlaf. Es ist alles Muskelgedächtnis.
Geduld mit sich selbst: Mein Sonntags-Resümee
Inzwischen gehört die Ziehharmonika zu meinem Leben wie der Wind zu Warnemünde. Es ist keine Ambition dahinter, kein Ziel, irgendwann vor Publikum zu spielen. Ich lerne gerade erst, was 'Bass' wirklich bedeutet und warum manche Knöpfe trauriger klingen als andere. Ich habe vor ein paar Wochen mal aufgeschrieben, wie ich mich durch einen Online-Kurs gewühlt habe, falls du auch Struktur suchst – in meiner Reise mit der Kleinen erzähle ich mehr darüber, wie ich versuche, das Chaos in meinen Fingern zu ordnen.
Gestern Nacht kam ich um halb eins nach Hause. Die Station war die Hölle, drei Notfälle hintereinander. Ich war körperlich am Ende, aber mein Kopf raste noch. Ich habe mich nicht vor den Fernseher gesetzt. Ich habe die Kleine genommen, mich in die Küche gesetzt und einfach nur fünf Minuten lang Töne gehalten. Ganz lange Töne. Ziehen, drücken, ziehen, drücken. Das Geräusch der Luft, die durch die Stimmzungen strömt, hat etwas so Reales, so Handfestes.

Wenn du auch so ein Instrument irgendwo verstaubt im Regal stehen hast: Hol es raus. Erwarte nichts. Spiel einfach 'Hänschen Klein'. Es ist egal, ob es schief klingt. Wichtig ist nur, dass es deins ist. Dass es ein Moment ist, in dem du nicht die Krankenschwester, der Sachbearbeiter oder die Mutter bist, sondern einfach nur jemand, der einen Ton in die Welt schickt.
Mein Kaffee ist jetzt kalt, und der Hund stupst mich an – er will raus in den Wind. Ich packe die Kleine wieder in ihren Koffer. Nächste Woche will ich mich an ein Seemannslied trauen. Nur die erste Strophe. Ganz langsam. Ohne Plan, aber mit viel Herz. So wie alles, was wirklich zählt.