
Es ist Sonntagmorgen in Warnemünde. Der Wind drückt ein wenig gegen das Küchenfenster, und mein Kaffee in der alten blau-weiÃen Tasse ist genau so, wie ich ihn nach einer Woche auf der Kardiologie brauche: schwarz und heiÃ. Unter meinem Stuhl höre ich das gleichmäÃige Atmen meines Hundes. Auf dem Tisch vor mir liegt 'die Kleine' â meine zweireihige Ziehharmonika vom Trödelmarkt in Güstrow. Wir beide haben diese Woche hart gekämpft. Nicht gegen Patientenakten oder Personalmangel, sondern gegen das gröÃte Rätsel, das mir mein Körper seit Langem aufgegeben hat: Warum kann meine linke Hand nicht einfach ignorieren, was die rechte tut?
Ich sitze oft nachts um halb eins hier, wenn ich von der Spätschicht komme. Die Stadt schläft, die Nachbarin von nebenan hat zum Glück aufgehört zu klopfen (ich glaube, sie hat sich an das leise Quetschen gewöhnt), und ich versuche, diese zwei Welten zusammenzuführen. Die linke Hand am Balg und den Bassknöpfen, die rechte auf den zwei Diskantreihen. Es fühlt sich oft an, als würde man versuchen, mit der einen Hand einen Kreis auf den Bauch zu reiben und mit der anderen ein Dreieck auf den Kopf zu klopfen â nur dass dabei noch jemand an den Lungenflügeln zieht.
Das Chaos der ersten Wochen: Wenn das Gehirn streikt
Als ich letzten November mit der Harmonika anfing, dachte ich naiv, es wäre wie Tippen am Computer. Weit gefehlt. Bei einer diatonischen Ziehharmonika wie meiner ist alles wechseltönig. Das heiÃt, wenn ich drücke, kommt ein anderer Ton als wenn ich ziehe â obwohl ich denselben Knopf halte. Das ist Stress pur für das Gehirn. In den ersten Nächten fühlte ich mich wie eine Schülerin im ersten Lehrjahr, die zum ersten Mal Blut abnehmen soll: Die Hände zittern, man vergisst zu atmen, und am Ende ist man schweiÃgebadet, obwohl man sich kaum bewegt hat.
Besonders schlimm war das raue Gefühl der alten Lederriemen auf meinen Schultern, die noch ganz leicht nach dem Desinfektionsmittel der Station riechen, wenn ich sie direkt nach dem Dienst anlege. Sie erinnern mich an die Last des Tages, aber gleichzeitig halten sie das Instrument fest an mir. Ich habe am Anfang den Fehler gemacht, sofort beidhändig spielen zu wollen. Ich wollte Melodien hören, nicht nur ein rhythmisches Brummen. Aber mein Gehirn hat einfach 'Nein' gesagt. Wenn der Bass einsetzte, erstarrte meine rechte Hand. Wenn ich mich auf die Melodie konzentrierte, vergaà ich den Balg, und der Ton verhungerte jämmerlich.

Mein Weg aus dem Knoten: Radikale Isolation
Inzwischen bin ich acht Monate weiter und habe eine Sache gelernt, die mir kein Lehrer beigebracht hat (ich habe ja keinen): Man muss die Hände erst komplett entfremden, bevor man sie verheiraten kann. Mein Tipp für alle, die wie ich bei Null anfangen: Spielt nicht zusammen. Nicht in den ersten Wochen. Vielleicht nicht mal im ersten Monat.
Ich habe angefangen, die Hände radikal zu isolieren. Das klingt langweilig, ist aber die einzige Rettung vor dem Wahnsinn. In den kalten Nächten im Februar saà ich hier und habe nur den Bass geübt. Meine Ziehharmonika hat nur 8 Bassknöpfe. Das klingt nach wenig, aber wenn man sie blind bedienen muss â und man muss sie blind bedienen, weil der Balg die Sicht versperrt â fühlen sie sich an wie ein Labyrinth. Ich habe nur den Rhythmus gedrückt. Eins, zwei, eins, zwei. Währenddessen habe ich die Melodie nur gesummt. Die rechte Hand lag dabei flach auf dem Gehäuse, völlig unbeteiligt.
Das ist wie bei uns auf Station: Wenn ein Notfall reinkommt, muss jeder Handgriff sitzen, ohne dass man nachdenkt. Das Muskelgedächtnis übernimmt. Und genau das brauchen wir beim Akkordeon. Die linke Hand muss den Rhythmus so sehr verinnerlichen, dass sie ihn auch im Schlaf (oder nach einer 12-Stunden-Schicht) halten kann, ohne dass ich aktiv darüber nachdenke.
Die 10-Minuten-Regel nach dem Dienst
Ich merke oft, dass meine Finger am Ende einer Doppelschicht steif sind. Sie wollen sich nicht mehr einzeln bewegen. Trotzdem setze ich mich hin. Aber ich erwarte dann keine Wunder. Wenn ich merke, dass die Koordination gar nicht will, bleibe ich bei einer Hand. Nur die zwei Diskantreihen. Nur eine einfache Tonleiter oder drei Töne von einem Lied, das ich im Radio gehört habe. Es geht darum, die Verbindung zwischen Kopf und Fingern wachzuhalten. Es gab Momente, da habe ich vor lauter Frust fast geweint, weil der Moll-Bass einfach nicht dort war, wo mein kleiner Finger ihn vermutete. Aber dann atme ich tief durch, kraule den Hund und fange nochmal ganz langsam an.
Wer wenig Zeit hat, für den ist es wichtig, dranzubleiben. Ich habe dazu mal aufgeschrieben, wie ich die Motivation für Ziehharmonika behalten konnte, selbst wenn der Dienstplan mal wieder alles durcheinandergewirbelt hat. Es sind diese kleinen 10-Minuten-Fenster, die den Unterschied machen.
Der Durchbruch im Mai: Wenn es plötzlich 'Klick' macht
Es gab diesen einen Moment vor etwa drei Wochen, nach einer langen Spätschicht im Mai. Die Luft war mild, ich hatte das Fenster zum Balkon einen Spalt offen. Ich spielte dieses kleine Volkslied, das ich mir mühsam zusammengesucht hatte. Und plötzlich â ich kann es nicht anders beschreiben â passierte es. Die linke Hand hielt den Bass-Rhythmus, und die rechte Hand spielte die Melodie, ohne dass die eine die andere störte.
Es war, als hätte sich eine Blockade in meinem Kopf gelöst. Ich habe in diesem Moment gemerkt, dass ich aufgehört hatte, die Knöpfe zu 'suchen'. Meine Finger wussten einfach, wo sie hinmussten. Aber dieser Moment kam nur, weil ich vorher Monate damit verbracht habe, die Hände getrennt zu trainieren. Wer zu früh versucht, beide Hände zu forcieren, baut Spannungen auf. Ich kenne das vom Patientenlagerung: Wenn man gegen den Widerstand arbeitet, verkrampft alles. Man muss mit dem Instrument flieÃen.
Ein wichtiger Faktor war auch die physische Entlastung. Wenn die Gurte nicht richtig sitzen, verkrampft man automatisch, und dann ist es mit der Koordination vorbei. Ich musste erst lernen, wie ich die Akkordeon Tragegurte richtig einstellen muss, damit das Gewicht der 'Kleinen' nicht an meinen Nackenmuskeln zerrt, die vom ständigen Beugen über Patientenbetten sowieso schon beleidigt sind.

Körperliche Signale ernst nehmen
Beim Ãben der Handkoordination gibt es ein Warnsignal, das ich nur zu gut kenne: Das plötzliche Kribbeln im linken Unterarm, wenn ich vor lauter Konzentration vergesse, beim Balgzug die Schulter locker zu lassen. Wir Anfänger neigen dazu, die Luft anzuhalten und die Schultern bis zu den Ohren hochzuziehen, wenn es schwierig wird. Das ist Gift für die Koordination.
Wenn das Kribbeln kommt, höre ich sofort auf. Ich lege die Harmonika weg, schüttle die Arme aus und mache mir vielleicht noch einen Tee. Koordination hat viel mit Loslassen zu tun. Man kann sie nicht erzwingen. Man muss dem Gehirn die Zeit geben, die neuen Nervenbahnen zu knüpfen. Das ist wie bei der Genesung nach einer Herz-OP: Man kann den Heilungsprozess nicht beschleunigen, indem man den Patienten zwingt, am ersten Tag einen Marathon zu laufen. Geduld ist alles.
Mein Fazit für heute Morgen
Wenn du also da sitzt, vielleicht auch mit einem gebrauchten Instrument und ohne Plan, dann verzweifle nicht an deinen Händen. Sie sind nicht dumm, sie sind nur noch nicht miteinander bekannt gemacht worden. Isoliere sie. Gib der linken Hand ihren eigenen Raum, gib der rechten Hand ihre Zeit. Und irgendwann, an einem Abend, wenn du es am wenigsten erwartest, werden sie anfangen, miteinander zu reden.
Meine 'Kleine' wartet jetzt darauf, dass ich den letzten Schluck Kaffee austrinke. Heute will ich versuchen, den Umschaltmoment zwischen Zug und Druck sauberer hinzubekommen, während der Bass durchläuft. Es wird wahrscheinlich wieder holprig werden, und der Hund wird vielleicht kurz die Augen öffnen und mich vorwurfsvoll anschauen, wenn ein falscher Ton durch das Wohnzimmer schallt. Aber das ist okay. Es ist mein Sonntag, es ist meine Zeit, und jeder falsche Ton ist ein Zeichen dafür, dass ich etwas lerne, das nichts mit Patientenakten zu tun hat.