
Es ist jetzt kurz vor neun an diesem Sonntagmorgen im Juni. Die Sonne steht schon recht hoch über den Dächern von Warnemünde, und die Luft riecht heute besonders nach Salz und diesem typischen Geruch von frisch gebackenen Brötchen, der von der Bäckerei an der Ecke hochzieht. In meiner alten Ikea-Tasse ist nur noch ein Rest kalter Kaffee. Unter meinem Stuhl höre ich das vertraute, tiefe Schnaufen meines Hundes. Er hat die ganze Woche über geduldig gewartet, während ich meine Spätschichten auf der Kardiologie abgeleistet habe, und jetzt genießt er die Ruhe genauso wie ich.
Vor mir auf dem Tisch steht 'die Kleine'. So nenne ich die zweireihige Ziehharmonika, die ich vor etwa neun Monaten auf dem Flohmarkt in Güstrow für 45 Euro erstanden habe. Sie war ein Zufallsfund, eingequetscht zwischen einem alten Kupferkessel und einer verstaubten Briefmarkensammlung. Ich hatte keinen Plan, keine Notenkenntnisse und erst recht keinen Lehrer. Aber in den letzten Monaten ist sie zu meinem Anker geworden, besonders wenn ich nachts um halb eins von der Station komme und der Kopf noch so voll von Patientenkurven und Medikamentenplänen ist, dass an Schlaf nicht zu denken ist.
Das unsichtbare Labyrinth der linken Hand
In dieser Woche hatte ich einen Moment, der mich fast zur Verzweiflung gebracht hätte. Es war Mittwochabend, nach einer besonders anstrengenden Schicht. Ich setzte mich hin, wollte nur zehn Minuten spielen, um runterzukommen. Aber meine linke Hand fühlte sich an wie ein Fremdkörper. Wer noch nie ein Akkordeon in der Hand hatte, unterschätzt das völlig: Rechts sieht man die Knöpfe oder Tasten zumindest aus dem Augenwinkel. Aber links? Links ist man blind. Die Hand verschwindet hinter dem Balg, und man muss sich allein auf das Gefühl verlassen.
Es ist ein bisschen wie beim Blutabnehmen bei einem Patienten, dessen Venen man kaum sieht. Man tastet, man fühlt den Widerstand, man vertraut seinem Fingerspitzengefühl. Wenn ich die Bassknöpfe bediene, ist es genau das gleiche. Ich sehe nichts, ich muss 'wissen', wo meine Finger sind. Am Anfang habe ich versucht, den Kopf so weit nach links zu biegen, dass ich wenigstens einen Blick erhaschen kann, aber das führt nur zu Nackenschmerzen und bringt einen völlig aus dem Rhythmus. Man muss lernen, der eigenen Hand zu vertrauen.

Meine wichtigste Erkenntnis in den letzten Monaten war: Schau niemals hin. Wirklich niemals. Ich habe gemerkt, dass mein Gehirn viel schneller lernt, wenn ich die Augen schließe oder stur geradeaus auf die Ostseekarte an meiner Wand schaue. Sobald ich versuche zu schummeln, bricht die Verbindung zwischen Kopf und Fingern ab. Das Muskelgedächtnis ist eine faszinierende Sache – auf Station mache ich viele Handgriffe auch blind, und genau das versuche ich jetzt auf die acht Bassknöpfe meiner Kleinen zu übertragen.
Der Anker: Die Suche nach dem C-Bass
Irgendwann im letzten Winter habe ich entdeckt, dass einer der Knöpfe nicht so glatt ist wie die anderen. Er hat eine winzige Einkerbung. Das ist mein Rettungsanker, der C-Bass. Wenn mein Mittelfinger diese kleine Vertiefung spürt, weiß ich, wo ich bin. Es ist wie der Nullpunkt auf einer Skala. Von dort aus kann ich mich orientieren. Ohne diesen haptischen Hinweis wäre ich völlig aufgeschmissen.
Ich benutze für die Bässe eigentlich nur drei Finger: den Zeige-, Mittel- und Ringfinger. Der Daumen hat dort nichts zu suchen, er hält sich am Gehäuse fest oder bedient den Luftknopf, wenn ich den Balg lautlos schließen will. Das ist am Anfang eine riesige Koordinationsleistung. Man muss den Balg führen, den Rhythmus mit der linken Hand klopfen und rechts die Melodie finden. In manchen Nächten fühlt sich das an wie Multitasking im Notfallzimmer – man muss an tausend Dinge gleichzeitig denken, und doch muss jeder Handgriff sitzen.
Wer wie ich ohne Lehrer anfängt, stolpert oft über diese Hürden. Ich habe damals viel darüber gelesen, wie man Akkordeon für Anfänger: Tipps für den Einstieg ohne Lehrer umsetzen kann, weil ich einfach keine Zeit für feste Musikschultermine habe. Mein Dienstplan auf der Kardiologie ist unberechenbar, da muss das Lernen flexibel bleiben. Die Bassknöpfe sind dabei mein größtes Projekt geworden, weil sie dem Ganzen erst dieses tiefe, warme Fundament geben, das ich so liebe.
Wenn die Finger nicht mehr wollen
Letzten Freitag war so ein Tag. Ich kam nach zehn Stunden Dienst nach Hause, die Beine schwer, der Rücken steif. Ich wollte nur kurz den Wechselbass üben – diesen Rhythmus aus tiefem Grundton und dem dazugehörigen Akkord. Aber meine Finger waren wie aus Blei. Ich drückte ständig den falschen Knopf, rutschte ab, und der Ton, der aus der Kleinen kam, klang eher nach einem gequälten Seelöwen als nach Musik.

In solchen Momenten merke ich, dass man nichts erzwingen kann. Geduld ist etwas, das ich im Beruf gelernt habe – man kann einen Patienten nicht gesund beten, und man kann seine Finger nicht zur Geschmeidigkeit zwingen, wenn sie einfach erschöpft sind. Ich habe die Ziehharmonika nach fünf Minuten weggelegt und bin schlafen gegangen. Das ist auch eine Lektion: Das Instrument verzeiht viel, aber es merkt, wenn man verkrampft.
Am nächsten Morgen sah es schon wieder ganz anders aus. Mit frischer Energie und nach dem ersten Kaffee klappte der Wechsel plötzlich fast wie von selbst. Ich habe angefangen, ein paar Online-Lektionen zu verfolgen, um ein bisschen Struktur in mein Chaos zu bringen. Ich habe mich zum Beispiel gefragt: Meine Musikschule Akkordeon Kurs: Lohnt sich der Online Unterricht? – und tatsächlich hilft es, wenn einem jemand zumindest virtuell sagt, wo die Finger hingehören, auch wenn man keinen echten Lehrer vor sich hat, der einem auf die Finger klopft.
Der Rhythmus des Balgs
Was viele Anfänger wie ich unterschätzen, ist die Rolle des Balgs beim Bassspielen. Die linke Hand macht ja zwei Sachen gleichzeitig: Sie drückt die Knöpfe und sie zieht oder drückt das Instrument auseinander und zusammen. Wenn man den Bass spielt, braucht man einen gewissen Druck, damit der Ton kräftig klingt. Wenn ich zu zaghaft ziehe, klingen die Bässe dünn und kraftlos, fast wie ein Patient mit Atembeschwerden.
Ich versuche jetzt, den Bass immer genau in dem Moment zu betonen, in dem ich die Richtung des Balgs wechsle. Das gibt dem Ganzen mehr Dynamik. Es ist ein Atmen. Ein-Aus-Ein-Aus. Wenn man diesen Rhythmus einmal im Körper hat, dann fangen die Füße ganz von alleine an, mitzuwippen. Das war neulich so ein schöner Moment: Ich saß hier auf der Terrasse, der Hund hob kurz den Kopf und wedelte einmal mit dem Schwanz, weil der Takt wohl endlich mal gestimmt hat.
Sogar meine Nachbarin, die anfangs noch etwas skeptisch über die Wand geklopft hat, scheint sich an die Klänge gewöhnt zu haben. Wir haben neulich im Hausflur gesprochen, und sie meinte, dass es abends eigentlich ganz beruhigend klingt, wenn ich leise übe. Ich achte sehr darauf, dass ich nach dem Spätdienst nicht zu laut werde. Es gibt da ja diese ungeschriebenen Gesetze über Mietwohnung und Akkordeon: Rücksicht auf Nachbarn beim Üben nehmen, und ich will es mir hier in Warnemünde mit niemandem verscherzen.

Mein Fazit nach neun Monaten
Die Bassknöpfe sind für mich kein mathematisches Rätsel mehr, sondern eine Landkarte, die ich langsam auswendig lerne. Es gibt immer noch Tage, an denen ich mich verlaufe. Tage, an denen der Moll-Bass (der für mich immer noch ein bisschen trauriger und schwieriger zu finden ist) einfach nicht kommen will. Aber das ist okay. Ich muss keine Konzerte geben. Ich spiele für mich, für meine Nerven und vielleicht ein bisschen für den Hund.
Wenn du also auch gerade vor diesem Kasten sitzt und dich fragst, warum deine linke Hand nicht das tut, was sie soll: Gib ihr Zeit. Such den Knopf mit der Einkerbung. Schließ die Augen. Und denk daran, dass es nicht um Perfektion geht, sondern um das Gefühl, wenn sich der erste saubere Akkord mit der Melodie verbindet. Es ist ein bisschen wie ein gelungener Tag auf Station – am Ende zählt, dass man mit einem guten Gefühl nach Hause geht.
Jetzt ist die Sonne ganz da, und ich werde noch mal kurz die Kleine umschnallen, bevor ich mich fertig mache. Nur ein paar Minuten. Nur für das Gefühl in den Fingerspitzen.