Kurze Fingernägel beim Akkordeonspielen: Hilfe für Hygieneberufe

Es ist wieder einer dieser Sonntagmorgen in Warnemünde, an denen der Wind so kräftig gegen die Fensterscheiben drückt, dass man meint, die Ostsee wolle direkt im Wohnzimmer vorbeischauen. Ich sitze hier mit meiner großen Tasse Kaffee – die mit der kleinen Macke am Rand, die ich aus dem Stationszimmer gerettet habe – und schaue auf „die Kleine“. So nenne ich meine zweireihige Ziehharmonika jetzt meistens. Sie steht da auf dem Holztisch, direkt neben meinem Notizbuch, und sieht im Morgenlicht viel weniger traurig aus als damals im November, als ich sie für 45 Euro auf dem Trödelmarkt in Güstrow zwischen all dem alten Kupferkram entdeckt habe.

Diese Woche war hart auf der Kardiologie. Wir hatten viele Zugänge, und meine Hände riechen gefühlt immer noch nach Desinfektionsmittel, egal wie oft ich sie wasche. Aber genau das hat mich auf ein Thema gebracht, über das ich heute schreiben wollte. Viele fragen sich ja, ob man für ein Instrument nicht diese langen, eleganten Fingernägel braucht, wie man sie oft bei Gitarristen oder manchen Pianistinnen sieht. In meinem Job ist das keine Frage des Geschmacks, sondern eine der TRBA 250. Diese technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe schreibt uns im Gesundheitsdienst klipp und klar vor: Die Nägel müssen kurz und bündig mit der Fingerkuppe abschließen. Kein Lack, kein Schnickschnack, nur nackte, kurze Nägel für die Hygiene.

Die Angst vor der „unmusikalischen“ Hand

Als ich vor acht Monaten anfing, hatte ich wirklich Sorge. Ich dachte, meine Hände seien zu „unschön“ oder zu funktional für die Musik. In der Schule habe ich nie ein Instrument gelernt, und alles, was ich über meine Finger wusste, war, wie man eine Kanüle sicher platziert oder den Puls tastet. Ich hatte dieses Bild im Kopf, dass man für die Knöpfe einer Ziehharmonika vielleicht eine gewisse „Krallenform“ mit längeren Nägeln braucht, um präzise zu sein.

Aber wisst ihr was? Das Gegenteil ist der Fall. Letzten Februar, als die Spätschichten besonders schlauchend waren und ich nachts um halb eins nach Hause kam, merkte ich es zum ersten Mal. Wenn ich mich dann für zehn Minuten an die Kleine setze, ist das Gefühl der Fingerkuppen auf den glatten Knöpfen fast schon meditativ. Da meine Nägel gemäß der 250er-Regel kurz sind, spüre ich den Widerstand der Tasten viel direkter. Es gibt kein störendes Klicken von Nagel auf Kunststoff, nur den reinen Kontakt zwischen Haut und Instrument.

Nahaufnahme von Händen mit kurzen Fingernägeln auf den Knöpfen einer Ziehharmonika.

Präzision durch direkten Kontakt

Ich lerne ja gerade erst, was „Bass“ beim Akkordeon eigentlich bedeutet. Meine Kleine hat 8 Bassknöpfe auf der linken Seite. Am Anfang war das ein einziges Herumgestochere. Aber dadurch, dass ich kurze Nägel habe, hat sich eine ganz eigene Art von Muskelgedächtnis entwickelt. Es ist ein bisschen wie beim Blutabnehmen: Man muss die Vene fühlen, nicht sehen. Wenn ich den Wechsel vom Grundbass zum Akkordbass übe, hilft mir die nackte Haut der Fingerkuppe dabei, die Mitte des Knopfes genau zu treffen.

Eigentlich ist es sogar ein Vorteil für Hygieneberufe. Lange Nägel würden auf den zwei Reihen der Diskantseite (der rechten Hand) ständig hängen bleiben oder wegrutschen, besonders wenn man versucht, zwei Knöpfe gleichzeitig zu drücken. Die kurzen Nägel erlauben es mir, die Finger steiler aufzusetzen. Das gibt mir eine Kontrolle, die ich mit langen Krallen gar nicht hätte. Es ist ein ehrliches Gefühl. Ein bisschen wie die Routine auf Station – man braucht kein großes Besteck, sondern das richtige Gespür in den Fingerspitzen.

Letzten Mittwoch habe ich es tatsächlich geschafft, eine Melodie drei Minuten lang halbwegs fehlerfrei zu spielen. Mein Hund, der meistens unter meinem Stuhl schläft, hat nicht einmal den Kopf gehoben. Das werte ich als Erfolg. In solchen Momenten spüre ich die leichte Vibration des Balgs direkt in meiner Brust, wenn ich einen tiefen Akkord ziehe. Das ist so viel schöner als das monotone Piepen der Monitore auf der Station.

Lernen im eigenen Rhythmus

Da ich keine Musiklehrerin habe und auch keine Noten lesen kann, verlasse ich mich voll und ganz auf mein Gefühl. Ich habe vor einer Weile angefangen, einen ziehharmonika-anfaengerkurs online zu machen, weil ich mit meinen Schichtzeiten in keine normale Musikschule passe. Das Schöne daran ist, dass es niemanden stört, wenn ich erst nachts die ersten Trockenübungen mache.

Besonders im frühen Frühling, als die Tage wieder länger wurden, habe ich gemerkt, wie wichtig diese Routine für mich geworden ist. Ich habe früher oft einfach nur eine Staffel Netflix geschaut, um runterzukommen. Aber das Akkordeon gibt mir etwas anderes. Es fordert meine Konzentration auf eine Weise, die mich von den Sorgen des Arbeitstages wegzieht. Wenn ich versuche, den Moll-Bass zu finden, ohne hinzusehen, gibt es im Kopf keinen Platz mehr für den stressigen Patienten von Zimmer 402.

Ich habe in dieser Zeit auch viel darüber gelesen, wie andere das machen. Es gibt ja so viele Möglichkeiten, heute einzusteigen. Ich erinnere mich, dass ich damals auch über meine Suche nach der besten Methode geschrieben habe, weil ich anfangs völlig orientierungslos war. Am Ende zählt aber nur, dass man es tut – egal ob die Hände nach Desinfektionsmittel riechen oder die Nägel kurz sind.

Detailaufnahme des Balgs und des alten Holzes einer gebrauchten Ziehharmonika.

Wenn die Finger nicht mehr wollen

Natürlich klappt nicht immer alles. Gestern Abend zum Beispiel. Nach einer Doppelschicht waren meine Finger so steif, dass sie sich anfühlten wie alte Holzstöcke. Die Umschaltbewegung zwischen Zug und Druck am Balg wollte einfach nicht fließen. Ich habe dann nach fünf Minuten abgebrochen. Früher hätte mich das frustriert, aber heute weiß ich: Geduld ist alles. Auf Station können wir auch nichts erzwingen, wenn ein Patient Zeit braucht.

Ein kleiner Tipp für alle, die auch in der Pflege oder in anderen Hygieneberufen arbeiten: Achtet auf die Pflege eurer Nagelhaut. Durch das ständige Waschen und Desinfizieren wird sie rissig, und das kann beim Spielen am Balg oder an den Knöpfen unangenehm scheuern. Ich nehme jetzt immer eine reichhaltige Salbe, bevor ich mich zum Üben hinsetze. Das ist mein kleines Wellness-Ritual.

Inzwischen hat sich übrigens auch die Nachbarin nicht mehr beschwert. Vielleicht liegt es daran, dass die Töne jetzt etwas sicherer kommen, oder sie hat sich einfach an das leise Quetschen von nebenan gewöhnt. Jedenfalls ist es ein schönes Gefühl, dass meine „Arbeitshände“ zu etwas fähig sind, das nichts mit Patientenakten zu tun hat. Die kurzen Nägel sind kein Hindernis, sie sind mein Werkzeug für diese neue Freiheit.

Gerade in stressigen Zeiten war es für mich Gold wert, die Motivation für Ziehharmonika behalten trotz Schichtarbeit und wenig Zeit zu priorisieren. Es sind oft nur diese zehn Minuten vor dem Schlafengehen, aber sie verändern den ganzen Tag. Und wenn ich dann hier sonntags auf der Terrasse sitze, den Kaffee in der Hand und die Kleine auf dem Schoß, dann weiß ich, dass die 45 Euro in Güstrow die beste Investition meines Lebens waren.

Man braucht keine Musikausbildung und keine perfekten „Künstlerhände“. Man braucht nur ein bisschen Mut, ein altes Instrument und die Bereitschaft, sich auf das Gefühl in den eigenen Fingerspitzen einzulassen. Egal wie kurz die Nägel sind.

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