
Es ist kurz nach eins in der Nacht. Die Kardiologie-Station war heute unruhig, viel Hin und Her, die Füße brennen. Ich sitze in meiner kleinen Küche in Warnemünde, der Hund hat sich bereits verschlafen auf meinen Hausschuh gelegt. Bevor ich ins Bett gehe, brauche ich die Kleine. Zehn Minuten nur. Aber als ich sie aus dem Regal nehme, merke ich diesen stechenden Zug im Nacken. Nicht der übliche Klinik-Stress – es ist das Instrument selbst.
Hinweis: In diesem Text sind Links zu Kursen enthalten. Wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision. Für dich kostet es keinen Cent mehr. Ich empfehle hier nur, was ich in meinen Sonntags-Tagebüchern selbst ausprobiert habe – von der ersten Nachtschicht mit der Kleinen bis heute. Hier ist meine Offenlegung.
Seit ich dieses alte Ding vor acht Monaten für 45 Euro auf dem Trödelmarkt in Güstrow gefunden habe, lerne ich jeden Tag etwas Neues. Meistens darüber, was ich falsch mache. Letzten Herbst dachte ich noch, man muss das Ding einfach nur festhalten. Inzwischen weiß ich: Wenn die Gurte nicht sitzen, wird das Akkordeon schnell zum Feind meiner Wirbelsäule.
Warum die Standard-Einstellung oft in die Irre führt
Am Anfang habe ich die Riemen einfach so fest gezurrt wie möglich. Ich dachte, die Ziehharmonika muss bombenfest sitzen, damit sie mir beim Spielen nicht wegfliegt. Ein Fehler. Nach einer halben Stunde fühlten sich meine Schultern an, als hätte ich eine Doppelschicht Patienten umgelagert. Die alten Lederriemen schnitten in meine dünnen T-Shirts ein, und das Atmen fiel mir schwer.

Ich habe dann angefangen zu recherchieren. Wenn man wie ich keine Musikausbildung hat, weiß man ja nicht mal, wonach man suchen soll. Ich wusste nicht, dass es eine Rolle spielt, ob die Tastatur genau unter dem Kinn sitzt oder ob das Gehäuse auf dem linken Oberschenkel balanciert wird. Ich habe einfach nur gemerkt, dass meine linke Hand beim Ziehen des Balgs immer verkrampfter wurde.
Es ist wie im Krankenhaus: Wenn die Ergonomie am Bett nicht stimmt, macht man sich den Rücken kaputt. Beim Akkordeon ist es das Gleiche. Wenn die Gurte zu stramm sind, verliert man die Beweglichkeit im Oberkörper. Und ohne Beweglichkeit gibt es keinen schönen Ton.
Der Moment, in dem es 'Klick' machte: Die V-Position
Eines Nachts im Mai, nach einem besonders anstrengenden Spätdienst, habe ich mich durch die Video-Lektionen bei meineMusikschule geklickt. Da gab es ein Video, das alles veränderte. Der Lehrer erklärte dort die sogenannte V-Position der Tragegurte. Er zeigte, dass der rechte Riemen ein Stück länger sein muss als der linke, damit das Diskant-Gehäuse stabil steht, aber der Kopf frei bleibt.
Ich habe das sofort ausprobiert. Es war eine Offenbarung. Die plötzliche Wärme in meiner linken Schulter, als sich das Gewicht endlich vom Nacken auf die Rückenmuskulatur verlagerte, war fast so gut wie eine Massage. Ich musste die Umschaltbewegung zwischen Zug und Druck plötzlich nicht mehr mit purer Kraft aus der Schulter holen.
Hier sind die drei wichtigsten Dinge, die ich aus den Video-Tipps gelernt habe:
- Der rechte Gurt sollte länger sein als der linke.
- Das Instrument darf nicht vor dem Bauch baumeln, sondern muss am Körper anliegen.
- Die Gurte dürfen nicht so fest sein, dass sie die Brust einschnüren – man braucht Platz zum Atmen!
Besonders wichtig war für mich der Hinweis, die Gurte bewusst leicht locker zu lassen. Man denkt immer, fest sei sicher. Aber eine leichte Lockerheit gibt dem Balg den Raum, den er braucht. Es ist ein bisschen wie bei unruhigen Patienten: Wenn man zu fest zupackt, gibt es nur Widerstand. Mit ein bisschen Spielraum fließt es besser.

Sonntagsmorgen-Reflektion auf der Terrasse
Heute ist Sonntag. Ich sitze mit meinem Kaffee auf der Terrasse, der Wind kommt von der Ostsee herüber und die Nachbarin grüßt sogar wieder freundlich. Der Hund schläft wie immer unter meinem Stuhl. Ich habe die Kleine auf dem Schoß und kontrolliere noch einmal die Riemen. Der Geruch nach altem Kellerstaub und brüchigem Leder, der bei jedem tiefen Basston aus dem Balg aufsteigt, erinnert mich an den Tag in Güstrow.
Ich habe letzte Woche gemerkt, dass ich viel entspannter an die Sache herangehe. Wenn man nicht mehr gegen den Schmerz im Nacken ankämpft, hat man plötzlich den Kopf frei für die Melodie. Letzten Mittwoch habe ich zum ersten Mal drei Minuten lang eine einfache Melodie halbwegs fehlerfrei hinbekommen, ohne dass ein Gurt verrutscht ist. Ein kleiner Sieg.
Falls du auch gerade erst anfängst und dich wunderst, warum dir nach zehn Minuten alles wehtut: Schau dir mal die Grundlagen der Haltung an. Mir haben die strukturierten Videos sehr geholfen, weil sie einem zeigen, worauf man als Laie nie kommen würde. Ich nutze dafür den Kurs von meineMusikschule, weil ich da flexibel im Abo lernen kann, wenn es mein Dienstplan zulässt.
Es ist okay, wenn am Anfang nicht jeder Bass-Knopf sitzt. Es ist sogar okay, wenn die Finger nach einer Doppelschicht gar nichts mehr wollen. Wichtig ist nur, dass das Instrument sich nicht wie eine Last anfühlt. Es soll doch die Belohnung für den Tag sein, nicht eine weitere Aufgabe auf der To-do-Liste. Wenn du noch mehr Tipps brauchst, schau doch mal rein, wie man eine Ziehharmonika richtig lagern sollte, damit die Gurte nicht spröde werden.
Und falls du Angst hast, dass du zu steif bist für das Ganze: Ich habe auch gelernt, wie man die Angst vor falschen Tönen verlieren kann. Das fängt eben alles beim richtigen Sitz der Riemen an. Sogar meine kurzen Fingernägel aus der Klinik sind kein Hindernis mehr, seit ich weiß, wie ich meine Hände dank der richtigen Gurt-Einstellung frei bewegen kann. Jetzt trinke ich meinen Kaffee aus und versuche mich noch mal an diesem einen Moll-Bass, der mich seit Tagen ärgert.