Ziehharmonika richtig lagern: So bleibt das Instrument lange in Schuss

Der letzte Ton hängt noch irgendwo im Raum, und ich lasse den Balg trotzdem offen, anstatt ihn wie sonst sofort wieder in die Ausgangsposition zu drücken. So sitze ich noch eine Weile da, die Kleine locker auf dem Schoß, und höre dem Nachklang zu, bis er von selbst verschwindet. Erst in Woche zehn ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie viel dieser eine Moment nach dem Spielen mit richtiger Instrumenten-Lagerung zu tun hat, mehr als jede Checkliste, die ich mir als Akkordeon-Anfängerin hätte durchlesen können. Für mein Warnemünde-Tagebuch war das ein kleiner, aber ziemlich wichtiger Fund.

Ungefähr acht Monate sind es jetzt seit dem Fund, und erst jetzt merke ich, wie wenig ich bisher über das Wegräumen nachgedacht habe, verglichen mit der Zeit, die ins Üben geht.

Kühl fühlen sich die Knopfreihen abends an den Fingerkuppen an, kälter als noch am Nachmittag, wenn die Sonne durchs Fenster kommt. Genau dieser Temperaturunterschied hat mich neugierig gemacht, was eigentlich mit dem Holz und dem Metall passiert, wenn ich das Instrument einfach irgendwo hinstelle, ohne nachzudenken.

Der Balg bleibt offen – der erste Schritt zur Ziehharmonika-Pflege

Die ersten Wochen stand die Ziehharmonika stolz auf der Fensterbank, weil ich sie morgens beim ersten Kaffee sehen wollte. Gedacht habe ich mir dabei nichts. Dann kam die Heizperiode.

Direkt unter dem Fensterbrett drückt die Heizungsluft, und durch die Scheibe zieht gleichzeitig die Kälte rein – für ein Instrument aus alten Holzteilen ist das eine Belastung, die man erst spät bemerkt. Holz arbeitet unter diesen Bedingungen wie ein Patient unter Stress: es dehnt sich, zieht sich zusammen, und irgendwann können feine Risse entstehen, die den Klang für immer verändern.

Die Fensterbank war die falsche Idee

Recherchiert habe ich zwischen zwei Schichten, in den paar ruhigen Minuten im Schwesternzimmer. Der Konsens für Holzinstrumente ist eine Luftfeuchtigkeit zwischen 45 und 60 Prozent. Hier in Warnemünde kämpfen wir eher mit zu feuchter, salziger Luft von der Küste, aber im Winter kippt das in der Wohnung schnell ins Gegenteil. Seit ich ein einfaches Hygrometer neben die Kleine gestellt habe, ist das ein bisschen wie das Überwachen von Vitalwerten auf Station: man bekommt ein Gefühl für den Normalbereich und merkt sofort, wenn etwas kippt.

Hygrometer neben der Ziehharmonika zur Kontrolle der Luftfeuchtigkeit bei der Instrumenten-Lagerung

Ein Vormittag im Mai war für mich der bisher schlimmste Ausrutscher. Nach einem Nachtdienst war ich so müde eingeschlafen, dass ich vergessen hatte, das Rollo ganz herunterzuziehen, und die Sonne brannte stundenlang direkt auf den Balg. Das Material war heiß, richtig heiß. Sonne bleicht nicht nur die Farbe aus, sie macht auch das Wachs weich, das die Stimmplatten im Inneren hält – und wenn das schmilzt, ist aus einem geliebten Fund schneller Schrott geworden, als mir lieb ist.

Stehen oder liegen – was macht die Schwerkraft mit der Kleinen?

Nach einer Spätschicht im März wollte ich nur noch die eine Melodie spielen, die mir am Mittwoch davor drei Minuten lang halbwegs gelungen war. Eine Taste kam aber merkwürdig verzögert hoch. Zuerst dachte ich, meine Finger seien nach der Doppelschicht einfach zu steif zum einzeln Bewegen. Es war aber die Ziehharmonika: Ich hatte sie tagelang flach liegen lassen, statt sie aufrecht hinzustellen.

Das war ein Anfängerfehler, den ich erst spät verstanden habe. Im Inneren sitzen kleine Lederklappen, Stimmledern genannt, die bei liegender Lagerung über Zeit unter der eigenen Schwerkraft nachgeben, sich durchbiegen und dann nicht mehr sauber schließen. Seitdem steht die Kleine immer so, wie ich sie auch beim Spielen halte. Es ist wie mit der richtigen Lagerung eines Patienten: Prävention ist fast alles.

Nahaufnahme der Gehäusefüße einer Ziehharmonika für die richtige aufrechte Instrumenten-Lagerung

Auch die Temperatur spielt mit. Zwischen 18 und 22 Grad ist der Bereich, an den sich das Instrument offenbar gewöhnt hat, und der deckt sich zum Glück meistens mit meiner eigenen Wohlfühltemperatur im Wohnzimmer. Zu viel Hitze greift das Wachs an, zu viel Kälte macht die Mechanik träge. Pflege heißt für mich zwischen den Übungseinheiten vor allem, sie richtig wegzulegen: aufrecht, geschlossen, weg von Heizung und Fensterbank – seit ich sie nach dem Fund gereinigt und aufgearbeitet habe, nehme ich das deutlich ernster.

Der Irrglaube vom sicheren Koffer

Hier kommt der Teil, den ich nicht erwartet hatte, und den ich in keinem Hochglanz-Prospekt gelesen hätte. Man denkt sich: Koffer zu, Deckel drauf, sicher ist sicher. Genau das kann nach hinten losgehen.

Wenn ich nachts zehn Minuten übe, geht meine eigene Atemluft durch den Balg, mit all ihrer Feuchtigkeit. Sperre ich die Ziehharmonika direkt danach in den Koffer und mache den Deckel fest zu, bleibt genau diese Feuchtigkeit gefangen, ohne einen Weg nach draußen.

Offener Instrumentenkoffer neben der Ziehharmonika zum Auslüften nach dem Spielen als Teil der Ziehharmonika-Pflege

Statt das Instrument zu schützen, kann dauerhafte Lagerung im geschlossenen Koffer bei hoher Feuchtigkeit sogar Schimmel begünstigen, und das Metall der Zungen fängt im schlimmsten Fall an zu rosten. Ich lasse sie inzwischen mindestens eine halbe Stunde stehen und richtig auslüften, bevor ich sie verstaue. Meistens bleibt sie sowieso einfach draußen auf ihrem Platz, sicher, aber griffbereit.

Es ist ähnlich wie mit der Stationsroutine. Man befolgt die Standardregeln und denkt, man macht alles richtig, aber manchmal muss man genau hinschauen, was das Gegenüber – in diesem Fall mein Instrument – gerade wirklich braucht. Bei sehr feuchter Luft von der Küste ist der Koffer gut. Direkt nach dem Spielen braucht die Kleine aber erst mal Ruhe an der frischen Luft.

Mein Sonntags-Check: Hygrometer, Marktgang und ein Notenheft, das ich nie gelesen habe

Sonntagmorgens ist mein festes Ritual: erst der Kaffee, dann der Check der Ziehharmonika, bevor ich überhaupt an etwas anderes denke. Ich ziehe den Balg vorsichtig auseinander, schaue nach Staub in den Ecken und drücke die Knöpfe ohne Luft, nur um zu hören, ob die Mechanik klappert oder geschmeidig bleibt.

Später am Vormittag gehe ich oft über den Wochenmarkt am Doberaner Platz, Kaffeebecher in der einen Hand, während meine Nachbarin um diese Zeit meistens schon beim Nordic Walking durch den Küstenwald bei Warnemünde ist. Zwischen den Marktständen denke ich manchmal an gar nichts anderes als daran, ob die Luft heute eher trocken oder feucht ist – ein Nebeneffekt, mit dem ich vor acht Monaten nie gerechnet hätte.

Einmal habe ich mir im Musikladen ein Notenheft gekauft, in der Hoffnung, dass es mir irgendwie weiterhilft. Ich konnte kein einziges Zeichen darin lesen und habe es nach zwei Abenden wieder zugeklappt. Ich lerne lieber nach Gehör, Ton für Ton, auch wenn das langsamer geht.

Dass ich keine Musikerin bin und keine Noten kenne, merke ich bei diesen Ritualen kaum noch. Ich kümmere mich einfach um etwas, das mir guttut, und ein gepflegtes Instrument spielt sich spürbar leichter, auch wenn ich mit meinem Online-Kurs weiterkomme. Falls dir Begriffe wie Balg oder Diskant noch nichts sagen, habe ich mir außerdem ein kleines Glossar angelegt, das mir am Anfang selbst sehr geholfen hat.

Lagerung ist kein Hexenwerk, aber sie verlangt Aufmerksamkeit, und genau die habe ich am Anfang nicht aufgebracht. Die eine Lehre, die bei mir hängengeblieben ist: dem Instrument nach dem Spielen ein paar Minuten Zeit geben, bevor irgendetwas verstaut, zugeklappt oder weggestellt wird. Dieser kurze Moment des Offenlassens hat mir mehr Ärger erspart als jede einzelne Regel zu Temperatur oder Luftfeuchtigkeit für sich allein.

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