Akkordeon spielen am Strand: Warum die Ostsee die beste Kulisse zum Üben ist

Vier Bänke stehen an der Stelle im IGA-Park Rostock-Schmarl, an der ich fast immer übe, wenn ich Ziehharmonika lernen will, und für jede habe ich einen Grund gefunden, warum sie nicht taugt. Die erste liegt zu dicht am Weg, Spaziergänger bleiben stehen, und das reicht schon, damit ich als Akkordeon-Anfängerin vergesse, was die Finger eigentlich tun sollten. Die zweite steht mit dem Rücken zur Warnow, der Wind drückt genau gegen die Zugrichtung des Balgs. Geblieben ist die vierte, mit Blick Richtung Ostsee und Wind im Rücken – und genau dieser Unterschied hat mir mehr beigebracht als jede Lektion drinnen.

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Warum ausgerechnet der IGA-Park und nicht die eigene Wohnung?

Die Wände in meiner Wohnung sind dünn, das war mir klar, bevor ich überhaupt wusste, wie ich den Balg richtig halte. Ruperta, meine Nachbarin eine Etage höher, hatte gerade erst wieder meinen Wohnungsschlüssel in der Hand, weil sie nach der Post schaut, wenn ich Spätschicht habe, und fragte mich, warum ich mit dem Instrument fast täglich Richtung Wasser verschwinde. Die ehrliche Antwort: Eine Ziehharmonika klingt, wenn man nicht weiß, was man tut, wie ein sehr unglückliches Tier, und draußen verliert sich das im Wind, bevor es an einer Wand zurückgeworfen wird. Vorher habe ich eine Weile in einem Online-Forum für Ziehharmonika-Spieler nach Rat gefragt, wie man am besten im Freien übt. Die Antworten passten meistens nicht zu einem Instrument wie meinem oder waren so allgemein, dass ich am Ende genauso schlau war wie vorher. Der Einstieg ohne Lehrer war für mich am Ende weniger ein Kurs-Problem als ein Orts-Problem.

Nahaufnahme der Hände einer Akkordeon-Anfängerin an den Knopfreihen der Ziehharmonika im Freien an der Ostsee

Balgführung, wenn der Wind mitspielt

Wind verändert, wie viel Kraft der Balg braucht, und das merkt man am IGA-Park sofort, weil er selten aus derselben Richtung kommt wie eben noch. Balgkontrolle als eigenes Thema würde hier zu weit führen, das ist ein eigenes Kapitel für sich, aber die Kurzfassung für draußen: Bei Rückenwind zieht sich der Balg fast von selbst, bei Gegenwind muss ich bewusst gegenhalten, sonst rutscht mir die Dynamik weg.

Nach einer Nachtschicht, wenn die Schultern noch bis zu den Ohren hochgezogen sind, spüre ich nach den ersten Grifffolgen im Park, wie sie sich senken, ohne dass ich aktiv daran denke – eine Entspannung, die mir sonst keine Doppelschicht hergibt. Abends, wenn die Luft schon kühler wird, fühlen sich die Metallkanten der Knopfreihen unter den Fingerkuppen kälter an als noch am Nachmittag, und daran merke ich meistens, dass ich für heute genug habe.

Als Anfängerin höre ich draußen andere Fehler

Am Wasser höre ich meine eigenen Fehler seltener, weil die Möwen und die kleinen Wellen einen Teil davon schlucken, und genau das nimmt den Druck raus. Zu Hause vergleiche ich jeden schiefen Ton sofort mit dem, was ich eigentlich wollte, im Park schaffe ich es eher, einfach weiterzuspielen. Wie der melancholische Klang der Ziehharmonika mir beim Abschalten hilft, merke ich hier draußen deutlicher als drinnen, wahrscheinlich weil niemand außer dem Wasser zuhört.

Papier und Ostseewind vertragen sich schlecht, deshalb fällt mir nach Gehör spielen im Park inzwischen leichter als mit der Griffschrift auf dem Schoß, die bei jedem Windstoß wegfliegen will. Ein Taktgefühl für die eigene Melodie entwickle ich hier eher über die Wellen als über einen Metronom-Klick, auch wenn ich weiß, dass das nicht für jeden funktioniert. Die 21 strukturierten Lektionen aus dem Anfängerkurs der Harmonicademy übe ich trotzdem lieber drinnen, weil ich dafür beide Hände am Ständer brauche und draußen ohnehin die Fläche dafür fehlt.

Kein Stadthafen, kein Campingplatz – warum der Park reicht

Kolleginnen fragen manchmal, warum ich nicht an belebteren Ecken übe, wo mehr los ist und die Aussicht vielleicht sogar schöner wäre. Ein Campingplatz zum Beispiel scheitert für mich an der Nähe zu fremden Zelten und an Ruhezeiten, die ich als Schichtarbeiterin selbst kaum einhalten könnte, selbst wenn ich wollte. Hobby für Pflegekräfte: Wie die Ziehharmonika beim Abschalten hilft funktioniert für mich nur an einem Ort, an dem ich mir auch schiefe Töne erlauben darf, ohne dass mich jemand ernst nimmt oder eben nicht. Die Ostsee ist an der Stelle im Park breit genug, dass der Wind fast immer über das Wasser kommt und den Klang mitnimmt, bevor er irgendwo ankommt, wo er stören könnte.

Finger sortieren, Blick übers Wasser richten

Handkoordination heißt bei mir am Wasser vor allem: Die rechte Hand sortiert die Melodie, während die linke nicht einfach stehen bleiben darf. Der Fingersatz der rechten Hand ist ein eigenes Thema, aber am IGA-Park merke ich vor allem, wie sehr mich der Blick auf den Horizont davon abhält, ständig auf die Knopfreihen zu schauen. Die Basslinie der linken Hand bleibt für mich das schwierigere Feld, besonders wenn der Wechselbass sauber sitzen soll, ohne dass ich hinsehe. Wie die zweireihige Ziehharmonika und ihre Tastenbelegung im Detail aufgebaut ist, habe ich an anderer Stelle genauer beschrieben.

Draußen zwingt mich das Fehlen einer Rückenlehne dazu, aufrechter zu sitzen, und der Gurt drückt auf einer harten Parkbank ganz anders in die Schulter als auf weicherem Untergrund zuhause. Genau diese Spielhaltung, die sich am Wasser fast von selbst einstellt, nehme ich inzwischen mit nach drinnen. Nach dem Üben wische ich die Kleine kurz ab, bevor sie zurück in den Koffer kommt, weil die Luft hier feuchter und salziger ist, als es dem Instrument auf Dauer guttut.

Margret aus Lübeck und die Frage nach dem großen Akkordeon

Margret aus Lübeck hat mir vor Kurzem geschrieben. Sie hat ein gebrauchtes Instrument aus dem Pfandhaus, deutlich schwerer und größer als meine Kleine, und wollte wissen, ob draußen üben damit überhaupt sinnvoll ist. Sie schrieb auch, sie nehme meine Geduld inzwischen als eine Art Maßstab für ihre eigene, was mir mehr Verantwortung aufbürdet, als mir lieb ist. Der Unterschied zwischen einer zweireihigen Ziehharmonika und einem vollwertigen Akkordeon macht sich genau an dieser Stelle bemerkbar: Je schwerer das Instrument, desto mehr zählt, ob der Weg zur Bank kurz ist. Was ein größeres Akkordeon klanglich zusätzlich kann, etwa das schwebende Tremolo mancher Modelle, geht im Wind über dem Wasser ohnehin größtenteils unter, also verliert Margret dabei weniger, als sie vielleicht denkt.

Am Ende zählt nur, ob du wiederkommst

Ein Ort zum Üben muss nicht schön sein, er muss nur egal sein – dir egal, ob du falsch klingst, und der Umgebung egal, dass du überhaupt da bist. Das ist die eine Regel, die ich aus vier Bänken mitgenommen habe: Ein Klang, der irgendwo hin verschwinden kann, ist wichtiger als eine perfekte Sitzgelegenheit. Wenn du selbst gerade anfängst und nach Struktur suchst, ohne gleich eine große Verpflichtung einzugehen, schau dir ruhig den Kurs von Harmonicademy an. Er ersetzt keinen Ort zum Üben, aber er hilft, die Zeit dort sinnvoll zu füllen. Der Wind an der Ostsee nimmt einem nicht das Lernen ab, er nimmt nur die Angst davor, dass jemand zuhört.

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