
Fünf Wochen. So lange hat es gedauert, bis mein rechter Daumen beim Ziehharmonika lernen anfing, selbst zu wissen, wohin er will, ganz ohne dass ich hinschauen musste. Ich saß mit kaltem Kaffee auf dem Gartenstuhl aus Plastik, mitten in meiner kleinen Entspannung nach dem Dienst, und mein Finger fand den zweiten Bass-Knopf, als hätte er das schon hundertmal gemacht. Hatte er nicht. Aber irgendetwas in der Hand hatte es sich gemerkt, während der Kopf noch mit der Nachtschicht beschäftigt war.
Kurz vorweg, weil es dazugehört: Manche Links in diesem Text sind Partnerlinks. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Vergütung, für dich ändert sich am Preis nichts. Empfehlen tue ich nur, was zwischen Spätschicht und Sonntagmorgen als Selbstfürsorge für mich als Pflegekraft wirklich funktioniert.
Sie stand zwischen Kupferkessel und Briefmarken
Vor acht Monaten war ich auf dem Trödelmarkt in Güstrow, eigentlich wegen alter Weckgläser. Zwischen einem Kupferkessel und einer verstaubten Briefmarkensammlung stand sie: eine kleine zweireihige Ziehharmonika, ein bisschen verloren zwischen den anderen Sachen. 45 Euro wollte der Händler, und ich hatte weder Musikausbildung noch Notenkenntnisse noch je ein Instrument in der Hand gehabt. Trotzdem nahm ich sie mit nach Warnemünde.
Der Staub und das alte Wachs an dem Ding rochen die ersten Tage nach etwas völlig anderem als mein Klinikalltag. Halten konnte ich sie kaum richtig. Aber das Drücken der Knöpfe, das Ziehen des Balgs, hatte sofort etwas, das kein Patientenmonitor je hinbekommen hat.

Das hilft ausgerechnet einer Krankenschwester beim Abschalten
Auf Station geht es immer um andere: ihre Herzen, ihre Ängste, ihre Akten. Zehn Minuten mit der Ziehharmonika vor dem Schlafengehen gehören nur mir. Das Vibrieren des Balgs gegen die Rippen ist mittlerweile fast wie das Muskelgedächtnis beim Blutabnehmen, irgendwann denkt man nicht mehr nach, die Hand macht es einfach. Das monotone Piepen der Monitore ist für diese zehn Minuten weg.
Am Anfang drückte ich aus Versehen ständig die Lufttaste, ein klägliches Zischen statt Melodie. Ich wusste damals nicht mal, dass ich eine diatonische Harmonika spiele, bei der Drücken und Ziehen unterschiedliche Töne ergeben. Nach einer Doppelschicht wollen die Finger sowieso kaum noch einzeln arbeiten, das macht diese Verwechslungen nicht leichter.
Fingernägel sind in meinem Beruf ohnehin tabu, zum Glück spielt das beim Üben keine Rolle. Wer im medizinischen Bereich arbeitet, findet mehr dazu in meinem Text zu kurzen Fingernägeln beim Akkordeonspielen.
Fingerübungen auf dem Küchentisch brachten nichts
Nach ein paar Wochen dachte ich, ich könnte mir Zeit sparen. Auf Station, in einer ruhigen Minute am Schwesternzimmertisch, übte ich die Fingerbewegungen ohne Instrument, nur die Finger auf der Tischplatte, als wäre sie die Knopfreihe. Das brachte gar nichts. Die Hand lernt offenbar nicht vom Gedanken an einen Knopf, sondern vom echten Widerstand darunter, vom Gewicht des Balgs, der dagegenzieht. Nach ein paar Tagen habe ich es wieder gelassen.
Almut, meine Jugendfreundin aus der Pflegeausbildung, die inzwischen in einer Reha-Klinik arbeitet, hat mir dazu eine Sprachnachricht geschickt, kurz vor zwei Uhr nachts, ganz typisch für sie. Sie meinte, das klinge wie Physiotherapie ohne Patient. Ganz unrecht hatte sie nicht.

Woche fünf: Der Knopf, der sich von selbst fand
Struktur half mir mehr als jede Willenskraft. Eine feste Musikschule kam für mich nie infrage, wer weiß schon, ob ich dienstags um 18 Uhr frei habe oder gerade jemanden reanimiere. Ich brauchte etwas, das nachts um eins funktioniert. So bin ich beim Ziehharmonika Anfängerkurs von Harmonicademy gelandet, mit seinen 21 Lektionen, die mich ohne Notendruck einfach Knopf für Knopf mitgenommen haben.
Genau in dieser Struktur kam dann Woche fünf. Ich hatte an dem Abend keine große Lust auf Übung, wollte nur kurz den Wechselbass in der linken Hand fühlen, dieses Hin und Her zwischen den Knöpfen, das den Rhythmus trägt. Und dann passierte es: der zweite Bass-Knopf war einfach da, mein Finger rutschte hin, ohne dass ich hinschauen musste. Von außen war das kein großer Moment. Für mich schon.
Eine Leserin aus Greifswald, Tove, Lehrerin von Beruf, hat mir danach geschrieben, nachdem sie meinen Text zu den Bassknöpfen gefunden hatte. Sie hat das geerbte Hohner ihrer Großmutter übernommen und will erst die ganze Theorie dahinter verstehen, bevor sie überhaupt einen Ton spielt. Ich habe ihr geantwortet, dass die Finger das meistens schneller lernen als der Kopf es erklären kann.
Salzluft auf der Terrasse zur Hofseite
Sonntagmorgens sitze ich draußen, der Wind trägt ein bisschen Salz von der Ostsee über die Dächer zu mir herüber. Neben mir steht der Wohnzimmersessel mit der Stehlampe, den ich manchmal rausschleppe, wenn die Abende noch kühl sind, das Hundekörbchen direkt darunter, falls der Hund mitkommen will. Am Fenster zur Hafenseite liegt frühmorgens noch ein blasser Schimmer durch die Gardine, bevor die Sonne richtig durchkommt.
Manchmal übe ich im Dunkeln, ganz ohne Licht, nur um zu merken, ob die Finger die Knöpfe auch ohne Augen finden. Das leise Klicken unter der tastenden Daumenkuppe fühlt sich dabei an wie eine eigene kleine Bestätigung, noch bevor überhaupt ein Ton kommt. Der Moll-Bass sitzt trotzdem immer noch nicht zuverlässig, und in der Hektik verwechsle ich weiterhin gern die Reihen.
Wenn die Wochen besonders voll sind, helfen mir kleine, sehr kleine Ziele, damit das Instrument nicht in der Ecke verstaubt. Mehr dazu steht in meinem Text über Ziele für die Motivation trotz Schichtarbeit.
Was ich Tove und anderen Anfängerinnen sage
Die 45 Euro vom Trödelmarkt waren die beste Ausgabe der letzten Jahre, keine Frage. Wer in der Pflege arbeitet und etwas sucht, das den Kopf freimacht, kann es einfach ausprobieren. Perfekt klingen muss dabei gar nichts.
Der eine Satz, den ich seitdem an jede Anfängerin weitergebe: Die Theorie kann warten, die Hand lernt sowieso zuerst. Wer direkt mit klarer Anleitung starten will, statt sich das selbst zusammenzusuchen, findet meine Erfahrungen im Harmonicademy Anfängerkurs, den ich selbst nutze.
Gleich übe ich noch zehn Minuten den Wechselbass, bevor der Hund wach wird und an die Tür will. Ein Knopf nach dem anderen.