
Es ist halb eins in der Nacht, die Stadt Rostock schläft längst, und ich sitze in meiner Küche in Warnemünde. Vor mir auf dem Tisch steht eine leere Tasse vom Nachtdienst-Kaffee, und auf meinem Schoß ruht 'die Kleine' – meine zweireihige Ziehharmonika, die ich vor etwa acht Monaten für 45 Euro auf einem Trödelmarkt gefunden habe. In der Kardiologie war es heute unruhig, viele Notaufnahme-Zugänge, das ständige Piepen der Monitore sitzt mir noch in den Ohren. Jetzt aber starre ich auf die acht Bassknöpfe an der linken Seite des Instruments. Bisher haben sie für mich nur ein dumpfes Brummen erzeugt, eine Art Hintergrundrauschen zu den Melodien, die ich rechts mühsam zusammensuche.
Ich merke, dass das bloße Drücken eines einzelnen Basses zwar den Hund beruhigt, der unter meinem Stuhl zusammengerollt liegt, aber es trägt kein Lied. Es fehlt das Herz, der Puls. Ich möchte diesen 'Bum-Pa-Bum-Pa'-Rhythmus finden, von dem alle reden, diesen Wechselbass, der aus einer einfachen Tonfolge erst richtige Musik macht. Es ist ein bisschen wie auf Station: Ein einzelner Herzschlag sagt noch nicht viel aus; erst der Rhythmus verrät uns, ob alles im Lot ist.
Das Geheimnis der acht Knöpfe: Warum Brummen nicht reicht
Ende November, als ich die Ziehharmonika das erste Mal richtig in den Händen hielt, dachte ich noch, die linke Hand sei nur dazu da, den Balg zu ziehen. Dass da acht Knöpfe sind, hat mich eher eingeschüchtert. Inzwischen weiß ich, dass diese kleine Welt auf der linken Seite mein Fundament ist. Der Wechselbass ist im Grunde nichts anderes als das Abwechseln zwischen dem Grundton – dem tiefen 'Bum' – und dem dazugehörigen Akkord oder der Quinte, dem 'Pa'.
Anfangs klang das bei mir eher nach einem Stolpern. Ich habe versucht, krampfhaft den Takt zu halten, während meine rechte Hand auf den zwei Diskantreihen nach den richtigen Tönen für 'An der Nordseeküste' suchte. Aber das Problem war nicht nur die Koordination. Es war das Gefühl für die Luft. Bei einer diatonischen Ziehharmonika wie meiner ist es ja so: Drücke ich den Balg zusammen, kommt ein anderer Ton, als wenn ich ihn ziehe. Wenn man dann versucht, einen rhythmischen Bass zu spielen, kämpft man ständig gegen den Luftstrom.

Ich erinnere mich an die dunklen Januartage, an denen ich fast aufgegeben hätte. Meine Finger fühlten sich nach einer Doppelschicht steif an, wie eingefroren. Wenn ich dann versuchte, den Wechselbass zu üben, passierte oft gar nichts, oder ich drückte so fest, dass der Ton die Nachbarin nebenan wieder aus dem Schlaf riss. Sie hat sich am Anfang beschwert, aber mittlerweile, glaube ich, hat sie sich an das leise Brummen aus meiner Wohnung gewöhnt. Vielleicht merkt sie auch, dass es harmonischer wird.
Das rhythmische Atmen: Mein Weg ohne Noten
Irgendwann zwischen Januar und März kam mir eine Erkenntnis, die gar nichts mit Musiktheorie zu tun hat. Ich habe angefangen, den Wechselbass nicht als technische Übung zu sehen, sondern als Atmen. Bevor ich überhaupt einen Knopf drückte, habe ich versucht, das rhythmische 'Atmen' des Balgs zu verinnerlichen. Ich habe den Balg einfach im 4/4-Takt bewegt – auf, zu, auf, zu – ohne einen Ton zu erzeugen. Nur das Geräusch der Luft.
Das war mein persönlicher Wendepunkt. Anfängern wird oft gesagt, sie sollen sofort die Knöpfe lernen. Aber ich glaube, man muss erst spüren, wie viel Kraft man für den Rhythmus braucht. Wenn ich den Balg im Griff habe, folgt der Bass fast von selbst. Es ist wie beim Blutabnehmen auf der Station: Wenn man zu hektisch ist, findet man die Vene nie. Man braucht diese ruhige, fließende Bewegung im Handgelenk. Erst als ich aufgehört habe, die Bassknöpfe als Feinde zu betrachten, fingen sie an, mit mir zu arbeiten.
Dabei ist mir aufgefallen, dass die Handkoordination beim Akkordeon lernen für mich die größte Hürde war. Die linke Hand macht etwas völlig anderes als die rechte, und dazwischen muss der Balg atmen. Manchmal fühle ich mich wie eine Marionette, bei der jemand an zu vielen Fäden gleichzeitig zieht. Aber genau dieses Gefühl, sich voll und ganz auf eine körperliche Aufgabe konzentrieren zu müssen, lässt den Stress der Kardiologie verblassen. In diesen Momenten gibt es keine Patientenakten, nur mich und den Widerstand des Balgs.
Körperliche Hürden und kleine Siege
Es gibt Tage, da will es einfach nicht. Vor etwa drei Wochen hatte ich so einen Moment. Ich saß hier am Sonntagmorgen mit meinem Kaffee und wollte eine einfache Begleitung spielen. Aber mein linkes Handgelenk fühlte sich schwer an. Da ist dieses ganz spezifische Ziehen im linken Handgelenk, wenn ich versuche, den kleinen Finger für den Wechselbass zu spreizen, ohne den Balgdruck zu verlieren. Es ist eine unnatürliche Haltung für jemanden, der den ganzen Tag Infusionen richtet oder Patienten umlagert.
Ich spüre dann das kühle, leicht klebrige Gefühl der alten Kunststoffknöpfe unter meiner linken Hand, während die Balgfalten leise gegen meine Knie schlagen. Die 'Kleine' ist alt, sie riecht ein bisschen nach Dachboden und Geschichte, und manchmal klemmen die Knöpfe ganz leicht. Aber das gehört dazu. Ich habe gelernt, dass Geduld mit dem Instrument genauso wichtig ist wie Geduld mit einem schwierigen Patienten. Man kann nichts erzwingen. Wenn der Bass nicht springen will, dann übe ich eben nur das Ziehen und Drücken.

Interessanterweise hilft es mir, zwischendurch ganz andere Dinge zu machen. Ich habe neulich gelesen, dass man auch Akkordeon Übungen ohne Instrument machen kann, um die Fingerfertigkeit zu trainieren. Das mache ich jetzt manchmal in der Mittagspause im Krankenhaus. Ich trommle den 4/4-Takt auf der Tischkante – links der Grundbass, rechts die Melodie. Meine Kollegen schauen schon manchmal komisch, aber das ist mir egal.
Ein Sonntagmorgen im Juli: Wenn der Rhythmus fließt
Heute ist ein sonniger Sonntagmorgen im Juli. Ich sitze auf meiner kleinen Terrasse, der Hund schläft unter dem Stuhl, und ich habe gerade zehn Minuten am Stück gespielt, ohne groß nachzudenken. Der Wechselbass lief einfach mit. Es war dieser Moment, auf den ich acht Monate gewartet habe: Der Rhythmus ging in den Autopiloten über. Ich habe nicht mehr auf meine Finger gestarrt, sondern auf die Ostsee am Horizont, wo die Fähren nach Schweden auslaufen.
Es ist kein perfektes Spiel. Ich verhaue mich immer noch beim Moll-Bass, und der Wechsel zwischen Zug und Druck bei schnellen Passagen bringt mich immer noch aus dem Konzept. Aber das 'Bum-Pa' ist da. Es gibt mir eine Struktur, die ich nach den chaotischen Schichten im Krankenhaus brauche. Es ist eine ehrliche Arbeit. Wenn ich einen falschen Knopf drücke, korrigiere ich ihn beim nächsten Mal. Es gibt keine lebensgefährlichen Konsequenzen, nur einen schiefen Ton.
Ich merke, dass mich dieses Lernen spät im Leben verändert hat. Ich bin 42, ich habe keine Musikausbildung, und ich werde wahrscheinlich nie vor Publikum spielen. Aber wenn ich nachts nach Hause komme und diese zehn Minuten auf den Knöpfen herumdrücke, fühle ich mich besser als nach jeder Staffel Netflix. Es ist ein echtes Gefühl, etwas, das ich mit meinen Händen erschaffe. Und während ich hier schreibe und meinen kalten Kaffee betrachte, freue ich mich schon auf die nächste Woche, in der ich vielleicht endlich den Sprung zum nächsten Bass-Paar schaffe, ohne hinzusehen.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich die Ziehharmonika auf dem Trödelmarkt mitgenommen habe. Sie hatte etwas Trauriges an sich, so allein zwischen dem Kupferkessel und der Briefmarkensammlung. Jetzt, wo sie wieder einen Rhythmus hat, wirkt sie fast ein bisschen fröhlicher. Und ich auch.