
Es ist kurz nach Mitternacht auf der Kardiologie, die Station ist endlich ruhig geworden und ich sitze im Pausenraum vor meinem Plastiktablett. Während ich auf den Rest meines kalten Kaffees starre, fangen meine Finger auf der glatten Oberfläche fast von selbst an zu wandern. Es ist ein seltsames Gefühl: Die kühle, glatte Oberfläche des Krankenhaustisches fühlt sich unter meinen Fingerspitzen überraschend ähnlich an wie die Zelluloid-Knöpfe meiner kleinen Ziehharmonika zu Hause.
Der Rhythmus der Nachtschicht
Ich bin jetzt 42 Jahre alt und habe vor acht Monaten in Güstrow, etwa 45 Kilometer von meiner Wohnung in Warnemünde entfernt, dieses kleine Instrument auf einem Trödelmarkt gefunden. 45 Euro hat es gekostet. Seitdem begleitet mich 'die Kleine' durch meinen Alltag zwischen Früh-, Spät- und Nachtdienst. Aber im klassischen 3-Schicht-System bleibt oft nicht viel Zeit, sich wirklich mit dem Instrument auf den Schoß zu setzen. Also habe ich angefangen, die Zeit dazwischen zu nutzen.
Wenn man wie ich erst spät im Leben anfängt, ein Instrument zu lernen, merkt man schnell, wie steif die Finger eigentlich sind. In der Pflege müssen meine Hände zupacken können, sie müssen präzise sein beim Blutabnehmen, aber diese ganz feine, unabhängige Bewegung, die man für die 21 Knöpfe auf der Melodieseite braucht, die war einfach nicht da. Meine Finger verhalten sich manchmal wie ungeduldige Patienten: Sie wollen alle gleichzeitig aufstehen, anstatt schön nacheinander zu warten.

Warum Trockenübungen für Späteinsteiger wichtig sind
Ich habe in der Schule nie ein Instrument gelernt. Noten sind für mich immer noch Hieroglyphen. Aber was ich im Krankenhaus gelernt habe, ist Muskelgedächtnis. Wenn man eine Routine oft genug ohne Druck wiederholt, sitzt sie irgendwann, ohne dass man darüber nachdenken muss. Genau das versuche ich jetzt mit den Fingern zu machen, wenn ich im Bus sitze oder eben in der Pause.
Das größte Problem ist mein Ringfinger. Jedes Mal, wenn ich versuche, nur den Ringfinger auf der Tischplatte anzuheben, spüre ich diesen frustrierenden Impuls in meinem Mittelfinger – er will unbedingt mitzucken. Es ist, als hätten die beiden in den letzten vier Jahrzehnten beschlossen, nur noch als Team zu arbeiten. Diese Unabhängigkeit zu trainieren, geht wunderbar auf jeder flachen Oberfläche. Ich nenne es meinen 'Trocken-Walk'.
Meine kleinen Übungen für zwischendurch
Ich lege die Hand flach auf und versuche, jeden Finger einzeln zu heben, während die anderen liegen bleiben. Erst den Daumen (den ich beim Spielen eigentlich kaum brauche, aber für die Stabilität wichtig ist), dann den Zeigefinger, und dann kommt die Hürde: der Ringfinger. Manchmal drücke ich mit der anderen Hand die restlichen Finger sanft nach unten, um dem Gehirn zu zeigen, welcher Finger eigentlich gemeint ist. Es ist ein bisschen wie bei der Physiotherapie nach einer Hand-OP.
Eine weitere Übung, die ich oft auf dem Weg zur Arbeit mache: Ich stelle mir vor, ich spiele eine einfache Tonleiter. Da meine Ziehharmonika wechseltönig ist, bedeutet das eigentlich, dass ich bei jedem Knopf überlegen müsste, ob ich ziehe oder drücke. Aber bei den Trockenübungen konzentriere ich mich rein auf die Abfolge der Finger. Ich tippe 1-2-3-4 und wieder zurück. Das hilft ungemein, damit die Finger nicht mehr wie eine Einheit 'patschen', sondern einzeln landen. Dabei ist es wichtig, dass man als jemand in einem Hygieneberuf sowieso immer kurze Fingernägel beim Akkordeonspielen trägt, was das Tippen auf harten Oberflächen viel angenehmer macht.

Die Falle: Warum das Instrument trotzdem unersetzlich bleibt
Aber ich muss ehrlich zu mir sein – und das habe ich schmerzlich gelernt: Diese isolierten Fingerübungen auf dem Tisch sind tückisch. Vor ein paar Wochen habe ich es übertrieben. Ich habe so verbissen auf der Tischplatte 'geübt', dass meine ganze Hand fest wurde. Ich habe gemerkt, dass diese Trockenübungen oft zu einer unnatürlichen Spannung führen. Man presst die Finger auf die harte Unterlage, weil der Widerstand des echten Knopfes und vor allem die Koordination mit dem Balg fehlen.
Beim echten Spielen atmet das Instrument. Wenn ich ziehe, ist der Widerstand ein anderer als beim Drücken. Wenn ich nur trocken tippe, vergesse ich, dass meine linke Hand ja eigentlich die ganze Arbeit mit dem Wind machen muss. Ohne den Balg ist das Akkordeonspielen wie Trockenschwimmen – man lernt die Bewegung, aber man versteht das Wasser nicht. Deshalb nutze ich diese Übungen nur noch, um die reine Beweglichkeit zu fördern, nie um ganze Lieder zu 'lernen'. Die echte Musik passiert erst, wenn 'die Kleine' auf meinem Schoß sitzt und die Luft durch die Stimmzungen strömt.
Ein kleiner Sieg am Sonntagmorgen
Heute ist wieder so ein Sonntagmorgen. Der Kaffee dampft in meiner alten Tasse, der Wind weht frisch von der Ostsee herüber und mein Hund schläft friedlich unter meinem Stuhl auf der Terrasse. Ich habe gerade die kleine Ziehharmonika herausgeholt. Diesen einen Bass-Knopf, den Moll-Bass, den ich die ganze Woche im Kopf (und in den Fingern auf der Bettkante) geübt habe – heute saß er zum ersten Mal richtig.
Es waren vielleicht nur drei Minuten am Mittwochabend, in denen die Melodie halbwegs flüssig klang, aber das Gefühl war besser als jede Serie nach der Schicht. Ich merke, dass ich durch die kleinen Übungen zwischendurch ruhiger werde, wenn ich dann endlich am Instrument sitze. Ich muss nicht mehr so sehr darauf starren, was meine Finger tun. Sie wissen es schon ein bisschen besser. Für jemanden, der keine Musikausbildung hat, ist das ein riesiger Erfolg. Ich lerne gerade erst, was Geduld wirklich bedeutet – nicht nur mit den Patienten, sondern mit mir selbst. Falls du auch gerade erst anfängst, kann ich dir sagen, dass Akkordeon lernen für Erwachsene oft bedeutet, sich diese kleinen Zeitfenster im Alltag zu stehlen.

Die Nachbarin von nebenan hat heute übrigens das Fenster aufgelassen und nicht geschimpft. Vielleicht gewöhnt sie sich an meine schrägen Töne, oder ich werde tatsächlich ein klitzekleines bisschen besser. Jetzt drücke ich noch zehn Minuten auf den Knöpfen herum, bevor der Alltag wieder losgeht. Ohne Plan, ohne Noten, nur ich und die Musik, die langsam aus meinen steifen Krankenschwesterfingern erwacht.