
Es ist kurz nach Mitternacht, die Spätschicht auf der Kardiologie war lang und die Beine fühlen sich an wie aus Blei. Ich stehe in meiner kleinen Küche in Warnemünde, die Fenster stehen offen und lassen die kühle Ostseeluft herein. Ich habe mir 'die Kleine' umgeschnallt, einfach so, noch in der Kasack-Hose. Das kühle Metall der Registerschalter an meinen Fingerspitzen bildet einen seltsamen Kontrast zu meinen Händen, die noch immer leicht nach dem Desinfektionsmittel der Klinik riechen. Ich merke in diesem Moment, wie schwer diese drei bis vier Kilogramm plötzlich werden können, wenn man eigentlich nur noch schlafen will.
Seit ich dieses Instrument vor acht Monaten für 45 Euro auf dem Flohmarkt in Güstrow gefunden habe, stelle ich mir diese eine Frage immer wieder: Soll ich mich setzen oder stehen bleiben? Am Anfang, in den ersten stürmischen Wochen im November, war die Antwort klar. Ich war froh, wenn ich überhaupt die Balance hielt, während ich versuchte, die zwei Diskantreihen zu sortieren. Aber heute, an diesem späten Mittwochabend, habe ich es zum ersten Mal länger im Stehen versucht.
Die Sicherheit des Küchenstuhls
Die meisten Anfänger – und ich gehöre definitiv dazu – suchen sich instinktiv erst einmal einen festen Stuhl. In meinem Fall ist es ein alter Holzstuhl aus der Küche. Der große Vorteil: Man hat eine Sorge weniger. Die Beine müssen nichts halten. Wenn ich sitze, ruht das Gehäuse der Ziehharmonika meistens auf meinem linken Oberschenkel. Das gibt eine unglaubliche Stabilität. Man kann sich voll und ganz auf die Finger konzentrieren, die sich nach einer Doppelschicht manchmal weigern, sich einzeln zu bewegen.
Im Sitzen ist es auch viel einfacher, die Balgkontrolle auf der Ziehharmonika zu üben. Der Balg schlackert nicht so herum. Mein Hund schläft meistens direkt unter dem Stuhl, während ich übe. Ich glaube, er mag die Vibrationen, die durch das Holz in den Boden gehen. Wenn ich sitze, fühle ich mich ein bisschen wie bei der Arbeit, wenn ich mich kurz hinsetze, um eine Patientenakte auszufüllen: konzentriert, stabil, aber auch ein bisschen festgefahren.

Warum das Stehen mich überrascht hat
Eigentlich dachte ich, das Spielen im Stehen sei nur etwas für Profis oder Leute, die auf Hochzeiten auftreten. Aber an einem der ersten warmen Sonntage im Mai habe ich mich einfach mal mit der Harmonika auf die Terrasse gestellt. Und da ist mir etwas aufgefallen, das ich im Sitzen nie gespürt habe: Die Atmung ist eine ganz andere. Wenn ich stehe, ist mein Oberkörper frei. Ich atme tiefer, fast so, wie wir es den Patienten nach einer OP beibringen, damit die Lungenflügel sich richtig entfalten.
Es gibt da aber ein Problem, das ich schmerzhaft lernen musste. Wenn man im Stehen spielt, neigt man dazu, das Instrument mit der Kraft der Schultern zu halten. Letzten März, nach einer besonders langen Nachtschicht, wollte ich es unbedingt wissen. Nach zehn Minuten spürte ich dieses fiese Ziehen im linken Schulterblatt. Es passiert immer dann, wenn ich versuche, den Balg zu weit aufzuziehen, ohne das Instrument mit den Gurten stabil am Körper zu halten. Es ist wie beim Heben eines Patienten: Wenn die Technik nicht stimmt, geht es auf den Rücken.
Die Sache mit dem Balgfluss und der Balance
Hier kommt mein ganz persönlicher Tipp, auch wenn er vielleicht gegen das verstößt, was man in Lehrbüchern liest. Ich finde, Anfänger sollten ruhig früh anfangen, im Stehen zu üben – auch wenn es sich wackelig anfühlt. Warum? Weil man im Stehen den 'Balgfluss' viel direkter spürt. Die Ziehharmonika ist ja ein wechseltöniges Instrument. Drücken und Ziehen ergeben unterschiedliche Töne. Im Sitzen blockiert der Oberschenkel manchmal die natürliche Bewegung nach unten.
Im Stehen hingegen merke ich sofort, wenn ich verkrampfe. Die 8 Bassknöpfe auf der linken Seite sind ohne den Blickkontakt im Sitzen anfangs ein Albtraum, aber im Stehen lernt man viel schneller, sich auf das Gefühl in den Fingerspitzen zu verlassen. Es ist wie das blinde Blutabnehmen bei schwierigen Venen: Irgendwann weiß man einfach, wo man ist, ohne hinzusehen. Man entwickelt ein Muskelgedächtnis, das unabhängig von der Sitzposition funktioniert.

Was ist nun besser für den Start?
Wenn du mich heute, acht Monate nach meinem Flohmarktfund, fragen würdest, würde ich sagen: Beides hat seinen Platz. Wenn ich völlig erschöpft von der Station komme, ist der Stuhl mein bester Freund. Da geht es nur darum, die Melodie, die ich am Mittwoch drei Minuten lang halbwegs hinbekommen habe, noch einmal zu festigen. Es ist meine Form von Netflix – nur dass ich selbst etwas erschaffe.
Aber wenn ich wirklich lernen will, wie das Instrument 'atmet', dann stehe ich auf. Seit etwa zwei Wochen versuche ich, jede Übungseinheit mit fünf Minuten im Stehen zu beginnen. Das schult die Balance und sorgt dafür, dass man nicht in diese typische 'Anfänger-Kauerhaltung' verfällt, bei der man ständig auf die Tasten starrt. Wenn man trotz Schichtarbeit die Motivation für die Ziehharmonika behalten will, hilft Abwechslung enorm.
Mein Fazit für heute Morgen, während der Kaffee auf der Terrasse langsam kalt wird: Such dir für die ersten Schritte die Sicherheit eines Stuhls ohne Armlehnen. Aber trau dich früh genug, die Beine zu benutzen. Es verändert den Klang, es verändert die Atmung und am Ende fühlt es sich viel mehr nach Musik an als nach einer reinen Fingerübung. Die Nachbarin hat sich übrigens seit Monaten nicht mehr beschwert – vielleicht liegt es ja daran, dass ich im Stehen nicht mehr ganz so viele falsche Bässe erwische, weil ich freier schwingen kann.