
Woran erkennst du eigentlich, dass mit deiner Ziehharmonika etwas nicht stimmt, bevor sie richtig stehen bleibt? Ich habe als Anfängerin lange gedacht, ich höre es zuerst. Diesmal war es umgekehrt.
Ich saß mit der Kleinen da, zehn Minuten vor dem Schlafengehen, so wie an den meisten Abenden nach der Schicht auf der Kardiologie. Ein Knopf in der zweiten Reihe blieb unten stecken, und weil sie wechseltönig ist, hielt der Ton einfach an, während ich den Balg weiterbewegte – ein Dauerton mitten in der stillen Wohnung, der sich anhörte wie ein Alarm auf Station.
Der Hund, der sonst bei jeder Übungseinheit auf seinem Platz vor sich hin döst, hob plötzlich den Kopf und sah mich an, als würde er fragen, was das für ein Geräusch sein soll.
Mein Herz machte diesen kurzen Sprung, den ich sonst nur von echten Notfällen auf Station kenne.
Beim ersten Versuch drückte ich fester auf den Knopf, in der Hoffnung, dass er sich von allein löst. Das war falsch – der Hebel bog sich minimal, und der Knopf saß danach schiefer als vorher.
Woran merkst du, dass ein Knopf wirklich hängt – und nicht nur schwer geht?
Für mich als Anfängerin war das am Anfang schwer zu unterscheiden. Manche Tasten gehen einfach etwas schwerer, weil eine Feder noch jung ist oder das Leder neu ist. Ein wirklich hängender Knopf dagegen bleibt unten, egal wie du den Balg bewegst – der Ton reißt nicht ab.
Bei den 21 Melodieknöpfen auf der Diskantseite und den 8 Bassknöpfen an der Seite reicht ein einziger klemmender Knopf, um eine ganze Übungseinheit zu ruinieren. Genau da beginnt für mich Ziehharmonika-Wartung: nicht erst, wenn nichts mehr geht, sondern sobald sich ein Knopf anders anfühlt als sonst.
Instrumentenpflege bei einer klebrigen Mechanik
Der kleine Schraubendreher aus der Küchenschublade war das einzige Werkzeug, das ich besaß. Die erste Schraube löste sich leicht, und unter dem Gehäuse warteten Hebel, Filzpolster und ein feiner Ledersaum, der die kleinen Klappen abdichtet.
Genau dort, wo Filz und Leder sich über Jahrzehnte berühren, wird die Verbindung irgendwann klebrig. Bei einem so alten Instrument ist Pflege zuerst Rettung: verharzte Mechanik lösen, bevor überhaupt an regelmäßiges Reinigen zu denken ist.

Vor einiger Zeit hatte ich einen Artikel über Akkordeon Übungen ohne Instrument gelesen, um meine Finger nach langen Schichten überhaupt wieder wach zu bekommen. Bei der Mechanik selbst hilft das natürlich nicht, aber es hat mir gezeigt, dass kleine, vorsichtige Bewegungen oft mehr bringen als Kraft.
Als ich noch versuchte, Lieder nach Tabs aus dem Internet zu lernen, sah jede Seite anders aus – andere Zahlen, andere Zeichen, keine passte zur anderen. Seitdem traue ich der ersten Erklärung, die ich online finde, nicht mehr blind.
Bei der Mechanik ist das ähnlich. Ein Forumseintrag empfiehlt Reinigungsbenzin, der nächste schwört auf Nähmaschinenöl. Ich habe es erst mit einem einfachen Hausmittel probiert: einem trockenen Wattestäbchen, um vorsichtig den Staub zu entfernen, bevor überhaupt an Chemie zu denken war.
Die Feuchtigkeit an der Küste ist meistens der eigentliche Übeltäter
Selten ist es nur Dreck, auch wenn die meisten Ratgeber genau das zuerst vermuten lassen. Nah am Wasser reagiert das Holz einer Ziehharmonika stark auf Luftfeuchtigkeit. Regnet es tagelang, quillt das Holz rund um die Knopflöcher minimal auf, und der Knopf verliert seinen Spielraum.
Ein kleines Hygrometer steht seit vier Wochen neben meinem Übungsplatz. Ich habe aufgeschrieben, wann die Kleine zickig wird: Über 60 Prozent Feuchtigkeit taucht derselbe Knopf fast jedes Mal wieder auf, darunter ist Ruhe.

Tove Reimann, eine Leserin aus Greifswald, hat mir vor Kurzem geschrieben, dass bei ihrem geerbten Hohner ebenfalls ein Knopf klemmt. Sie führt ein sehr genaues Übungsprotokoll und hatte selbst schon notiert, an welchen Tagen es schlimmer wird, ohne zu wissen, dass die Zahl auf ihrem Hygrometer wahrscheinlich die Antwort ist.
Sanft wackeln, nicht drücken
Wenn ein Knopf hängt, wackle ich inzwischen nur noch ganz sanft seitlich daran, fast so, als würde ich vorsichtig ein steifes Gelenk bewegen, bevor ein Patient aufstehen darf. Kraft verbiegt nur die Hebel. Geduld löst meistens mehr als jedes Mittel aus der Drogerie.
Meine Freundin Almut, die in einer Reha-Klinik arbeitet, hat neulich am Telefon gefragt, ob Öl den Knopf nicht einfach schneller lösen würde. Eine sehr praktische Frage, wie fast immer bei ihr.
Nein, war meine Antwort – nicht, weil Öl grundsätzlich falsch ist, sondern weil ich bei einem Instrument, das ich nicht selbst gebaut habe, lieber zu vorsichtig als zu schnell bin.
Ein Instrument, das Zeit braucht, um sich einzugewöhnen
Nachdem ich den Staub entfernt und die Kleine ein paar trockene Tage im Wohnzimmer hatte stehen lassen, ging der Knopf wieder normal hoch und runter. Kein Wunder, keine Chemie – nur weniger Feuchtigkeit in der Luft.
An freien Nachmittagen packe ich sie inzwischen in ihre Ziehharmonika Tasche und gehe mit ihr die Warnow-Promenade entlang, zwischen Gehlsdorf und der Stadtmitte. Aber nur, wenn die Luft trocken genug ist – ich will nicht, dass sie danach wieder klemmt.
Falls du auch so ein altes Instrument hast, bei dem plötzlich ein Knopf hängen bleibt: Schau zuerst auf ein Hygrometer, bevor du zu Reinigungsmitteln greifst. Das ist die eine Lehre, die bei mir wortwörtlich hängen geblieben ist.