Wechseltönige Ziehharmonika spielen: Wie man Druck und Zug beim Lernen meistert

Warum klingt ein und derselbe Knopf auf einer wechseltönigen Ziehharmonika – einem diatonischen Akkordeon – beim Drücken vollkommen anders als beim Ziehen? Diese Frage bekomme ich am häufigsten gestellt, seit ich öffentlich aufschreibe, wie das Ziehharmonika-Lernen bei mir läuft, meistens von Leuten, die gerade mit der Balgführung kämpfen und merken, dass Musik als Ausgleich zum Alltag erstmal selbst zur Anstrengung wird, bevor sie zur Ruhe wird.

Der Grund ist einfacher, als er sich anfühlt: Ein Knopf erzeugt beim Drücken einen Ton und beim Ziehen einen anderen – das ist bei einem wechseltönigen Instrument einfach so eingebaut, kein Defekt, keine Verstimmung. Deshalb wird aus einem G-Dur-Griff auf Druck beim Ziehen plötzlich ein ganz anderer Akkord. Sobald mir das klar war, hörte ich auf, gegen das Instrument zu kämpfen, und fing an, mit der Richtung zu arbeiten statt gegen sie.

Balgführung fängt vor dem ersten Ton an

Bevor ich eine neue Melodie überhaupt anfange, schaue ich nach, in welche Richtung der erste Ton liegt. Liegt er auf Druck, drücke ich den Balg von Anfang an sanft zusammen. Liegt er auf Zug, ziehe ich ihn zuerst leicht auf. Klingt banal, aber genau dieser eine Schritt hat mir am Anfang die meiste Verwirrung erspart.

Gekauft habe ich sie vor einer Weile auf einem Trödelmarkt in Güstrow, zwischen einem verbeulten Kupferkessel und einer Briefmarkensammlung, für 45 Euro bar – ohne zu ahnen, was „wechseltönig“ eigentlich bedeutet. Verstanden habe ich es erst zu Hause, an genau diesem Punkt: Ich merkte schnell, dass die Tastenbelegung für Anfänger erst dann Sinn ergibt, wenn man versteht, in welche Richtung man gerade arbeitet.

Nahaufnahme der Hände an Balg und Knopfreihe beim Üben von Druck und Zug auf der wechseltönigen Ziehharmonika

Woran merkst du, dass dir gleich die Luft ausgeht?

Meine „Kleine“ hat zwei Melodiereihen und acht Bassknöpfe – das klingt nach wenig, aber die Koordination zwischen beiden Händen ist am Anfang ein Monster für sich. Richtig unangenehm wird es, wenn man kein Gefühl dafür hat, wie viel Luft noch im Balg steckt: Mitten in einer Melodie geht plötzlich die Puste aus, der Balgweg ist zu Ende, und man steht da wie angewurzelt. Den Luftknopf an der Bassseite zu finden, war der Moment, in dem sich das Problem von selbst löste – er lässt dich den Balg bewegen, ohne dass ein Ton entsteht, eine Art kurzes Durchatmen mitten im Stück.

Der Trick, den ich inzwischen anwende: Ich beobachte den Balgweg, nicht nur die Melodie. Ist er fast offen oder fast geschlossen, drücke ich den Luftknopf, bevor die Luft ausgeht, nicht erst danach – dieser eine Wimpernschlag Vorsprung macht den Unterschied zwischen Stolpern und Weiterspielen.

Balgführung: Muss der Richtungswechsel wirklich exakt im Takt passieren?

Überall liest man, man müsse den Balg nach festen Regeln führen – immer im Takt wechseln, niemals die Richtung verlieren. Auf Station läuft aber auch nicht alles nach Lehrbuch, und irgendwann habe ich aufgehört, das so verbissen zu sehen.

Die Richtung wechsle ich heute dann, wenn der Balg an seine Grenze kommt, nicht stur nach Zählzeit. Das heißt manchmal, mitten im Takt zu wechseln, und das ist in Ordnung – es klingt dann vielleicht nicht nach Lehrbuch, aber es klingt nach mir.

Wenn die Finger nach einem harten Tag einfach nicht mitmachen

Nach einer Spätschicht will manchmal einfach nichts mehr klappen. Die Knochen tun weh, und die Finger wollen sich nicht mehr einzeln bewegen – ungefähr so, wie wenn man eine Infusion mit dicken Handschuhen vorbereiten soll. Der Moll-Bass sitzt an solchen Abenden überhaupt nicht, und beim Wechsel zwischen Zug und Druck verheddere ich mich ständig.

Ausprobiert habe ich in solchen Phasen auch YouTube-Tutorials, die im Tempo eines fertigen Profis durchgezogen wurden – brachte nichts, weil ich zwei Sekunden nach jedem Ton schon wieder zurückspulen musste. Was stattdessen hilft: eine einzelne Zeile der Melodie, langsamer als jedes Video, und aufhören, sobald das Handgelenk zu zittern anfängt. Ich sitze dann auf dem Plastikstuhl auf der Terrasse, drinnen brennt noch die Stehlampe neben dem Sessel, unter dem das Hundebett steht, und zwischen zwei Phrasen höre ich nichts als seinen ruhigen Atem.

Geduld hilft hier mehr als Ehrgeiz – dieselbe Geduld, die man auch mit unruhigen Patienten braucht, wenn nichts nach Plan läuft. Erzwingen lässt sich an solchen Abenden gar nichts.

Was Heinrich aus Stralsund mich am häufigsten fragt

Heinrich, ein Leser aus Stralsund und selbst noch ganz am Anfang, schickt mir regelmäßig knappe Fotos seines Instruments, mit Bildunterschriften, die ich oft erst beim zweiten Lesen verstehe. Seine Frage kommt trotzdem fast jedes Mal auf dasselbe hinaus: Wie fängt man an, wenn man weder Noten noch die Griffschrift lesen kann, mit der manche Online-Kurse arbeiten?

Meine Antwort ist immer dieselbe: erst die Richtung sortieren, dann den Finger. Bevor du dir Gedanken über den genauen Fingersatz für die rechte Hand machst oder dich mit Griffschrift beschäftigst, kläre für dich, ob der nächste Ton auf Druck oder Zug liegt. Alles andere baut darauf auf.

Was diese Frage hier bewusst ausklammert, nur damit klar ist, wo die Grenze liegt: die allgemeine Balgkontrolle jenseits von Druck und Zug, wie die Bassknöpfe in der linken Hand überhaupt funktionieren, der Wechselbass als rhythmische Begleitung, deine Spielhaltung, wie du Melodien nach Gehör findest, deine Handkoordination ganz am Anfang ohne jede Vorkenntnis, dein Taktgefühl, der Unterschied zwischen einer zweireihigen Ziehharmonika und einem normalen Akkordeon, der Einstieg ganz ohne Lehrer, die Tremolo-Schwebung im Klang mancher Modelle und wie man ein Flohmarkt-Instrument überhaupt sauber hält. Alles eigene Themen, alles eigene Einträge in meinem Notizbuch.

Woher weißt du, dass sich der Wechsel wirklich verbessert?

Es gibt kein Diagramm, das dir das zeigt, aber ein paar verlässliche Zeichen. Neulich stand ich mit der Post in der Hand vor dem Briefkasten, und die Nachbarin, die mich am Anfang noch gebeten hatte, doch bitte früher aufzuhören, sagte einfach nur, das habe schön geklungen. Kein Kommentar zur Uhrzeit, kein genervter Unterton – nur die Bemerkung selbst, wie beiläufig hingeworfen.

Ähnlich war es, als meine Kollegin Elsbeth mich fragte, was das für ein Lied gewesen sei, das ich ihr am Telefon vorgesummt hätte – sie sagt sowas nie zur Aufmunterung, sie sagt es nur, wenn es stimmt. Ein knappes Urteil von jemandem, der sonst kein Wort zu viel verliert, zählt am Ende mehr als jede Bewertung in einer App.

Manchmal nehme ich die Kleine mit an den Ostseestrand bei Markgrafenheide, weil Akkordeon spielen am Strand den Kopf freier macht als jede Übungsstunde zu Hause, und weil der Wind dort den Richtungswechsel fast leichter macht als in der Wohnung. Und genau da schließt sich der Kreis zu der Frage, wie der melancholische Klang der Ziehharmonika mir beim Abschalten hilft – es ist kein Problem, das man endgültig löst, sondern ein Rhythmus, an den man sich gewöhnt, ähnlich wie an Nachtschichten und den ständigen Wechsel zwischen Alarm und Ruhe auf Station.

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